Robbe, Käßmann und die Taliban

kaessmann Sozialdemokraten ginge ich stets besonders heftig an, sagte neulich ein Genosse zu mir. Nun, das glaube ich eigentlich nicht. Und wenn dem so sein sollte, wird es wohl daran liegen, dass man zu Hause immer etwas pingeliger ist als in der Fremde. Und überhaupt: was der Sarrazin so zum Besten gibt …

Meine Beliebtheitswerte bei den Grünen schätze ich eher gering ein. In der CDU erzählt man sich, ich sei „der Feind“. Und ob es in der Duisburger Linkspartei allein damit schon getan ist, muss bezweifelt werden.

Zwischenfazit: alles ist gut. Alles ist gut in der Blogosphäre; alles ist gut in Duisburg. Wie aber mag es in Afghanistan aussehen?

„Nichts ist gut in Afghanistan“, predigte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland zu Neujahr, und zwar in der Dresdner Frauenkirche. Margot Käßmann, seit Oktober ranghöchste Bischöfin, erntete für diese Einschätzung von allen Seiten Kritik. „Heftige Kritik“ ist zu lesen; und am heftigsten hat sich – ich kann da ja nichts zu – ein Sozialdemokrat geäußert.

Reinhold Robbe, von Hause aus Kriegsdienstverweigerer, ist seit 2005 der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags. Um den Kriegsdienst zu verweigern, die älteren Leser mögen sich erinnern, mussten sich die jungen Herren damals noch einer Gewissensprüfung unterziehen. Eine Kommission musste feststellen, dass man unter keinen Umständen bereit wäre zu schießen. Robbe hat bestanden und Zivildienst geleistet. Ich selbst bin ja kein Pazifist, schon weil ich den Pazifismus ablehne. „Gedient“ habe ich auch nicht, weil ich das Gefühl hatte, dass bei der Bundeswehr ein anderer Wach-Schlaf-Rhythmus als der meine bevorzugt wird.

Aber ich möchte nicht abschweifen. In seinem heutigen Amt ist Reinhold Robbe für das Wohl und Wehe der deutschen Soldaten zuständig. Wenn Bischöfin Käßmann also durchblicken lässt, sie sei für eine Abzugsstrategie der Bundeswehr aus Afghanistan, ist Robbe von Dienst wegen angesprochen. Da musste sich der Wehrbeauftragte einfach schützend vor seine Soldaten stellen!

Robbe hat freilich nicht gesagt, Wohl und Wehe der Soldaten sei in Gefahr, wenn sie ihren Dienst nicht mehr in Afghanistan verrichten dürften. In der neuen Ausgabe des „Spiegel“ habe ich gestern gelesen, was er gesagt hat. Beim „Spiegel“ steht es freilich noch nicht online. Aber zum Beispiel beim Evangelischen Pressedienst.

Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Reinhold Robbe (SPD), hält die Äußerungen der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr für unverantwortlich. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) übe populistische Fundamentalkritik, ohne sich jemals persönlich ein Bild vor Ort verschafft zu haben, und vermittle Tausenden von gläubigen Soldaten das Gefühl, in Afghanistan gegen Gottes Gebote zu handeln“.

Die Bischöfin äußerte gestern Abend in der ARD-Sendung „Beckmann“ ihren Eindruck, Robbe habe wohl den Text der Ansprache nicht gelesen. Dieser Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen. Hier im Wortlaut, was Käßmann zum Einsatz in Afghanistan gesagt hat. Nicht mehr und nicht weniger:

Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen. Vor gut zwanzig Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in Dresden belächelt…

Okay, der Hinweis auf die Kerzen und Gebete in der friedlichen Revolution, gegen den auch Robbe „heftig“ polemisiert, scheint nur im Kontext eines Gottesdienstes verständlich. Doch konnte Käßmann bei Beckmann auch Sinnstiftenderes zu den nicht-militärischen Aufbaustrategien in Afghanistan beisteuern.

Warum nur geht Robbe die Bischöfin so heftig an? Die Forderung nach einer Abzugsstrategie darf inzwischen als „Common Sense“ gelten. Es ist dieses „Nichts ist gut in Afghanistan“, das die Komissköppen in den Wutausbruch treibt. Die Kriegspropaganda legt nämlich neuerdings größten Wert darauf, dass es in Afghanistan kräftig aufwärts geht.

Haben Sie gestern Abend die ARD-Tagesthemen gesehen? Wenn nicht, schauen Sie sich die Sendung ruhig einmal an. Hier. Sie werden staunen. Je beschissener die Lage an der Front, desto bescheuerter die Propaganda in der Heimat.

Nur echt mit einer repräsentativen Meinungsumfrage! Echt. Leider nicht differenziert nach männlicher und weiblicher Bevölkerung. Nicht differenziert nach den Ergebnissen in Taliban-Gebieten und all den anderen. Klar, aber sonst: 70 % der Afghanen optimistisch, letztes Jahr noch 30 % – Jörg Schönenborn hält die Steigerung um 40 Prozentpunkte für signifikant.

Hallo, Herr Schönenborn! Man kann in Afghanistan gar keine repräsentative Meinungsumfrage machen. In Afghanistan ist nämlich Krieg.

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