Unabhängig von Bildung und Einkommen

Ruhr-Universität Bochum

Image by zug55 via Flickr

„Wer aber Zeit hat, ist entweder Rentner, Millionär – oder ein Versager“, stand am Samstag in der WAZ. Darf ich fragen, warum Sie die Zeit finden konnten, sich dieser Einführung in die Zeitforschung zu widmen?

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, genau – genau hier. Jetzt fällt mir auch ein, warum ich Ihnen diese vielleicht ein wenig indiskrete Frage gestellt habe. Mir war und ist nämlich nicht klar, wie Frau Dr. Schöneck den Begriff „Versager“ definiert, will heißen: wen sie für einen hält. Und da habe ich mir gedacht, … ich meine, nur für den Fall, dass Sie weder Rentner noch Millionär sind, Sie könnten vielleicht …

Gehen wir in medias res. Ja, so sprechen wir im akademischen Sektor. Es geht um Nadine Schöneck und ihre Doktorarbeit „Zeiterleben und Zeithandeln Erwerbstätiger: Eine methodenintegrative Studie“. Nicht Erwerbstätige, also Rentner, Millionäre und Versager, erleben auch möglicherweise Zeit; deren Zeithandeln (nein, ich lasse jetzt keine Zwischenfragen zu) interessiert uns aber nicht.

Sehen wir uns zunächst die ganz knappe Zusammenfassung der Studie an, wie sie uns in der Bochumer Uni-Bibliothek gegeben wird:

Während die theoriegeleitete Auseinandersetzung mit der Zeitthematik den Eindruck hinterlässt, dass Erwerbstätige in einer Welt leben, die ihnen in zeitlicher Hinsicht viel abverlangt, sodass Probleme im Umgang mit der Zeit nahezu zwangsläufig auftreten, führen empirische Befunde zu einem differenzierteren Bild: Die Klassifikation ergibt vier verschiedene Zeittypen, die deutlich unterschiedliche Grade der Zeitproblematik aufweisen.

Ja, schwerer Tobak. Aber immerhin geht es hier um eine Doktorarbeit, die in knappen Worten auf den Punkt gebracht wird. Es gibt natürlich eine ausführlichere Zusammenfassung am Ende der Dissertation. Oder Sie werfen einfach mal kurz einen Blick ins Inhaltsverzeichnis.

Also, was Frau Schöneck wagen will, ich versuche es einmal so leicht wie nur eben möglich zu erklären – na klar, in meinen Worten: rein theoretisch könnte man sich vorstellen, dass Leute, die arbeiten, irgendwie in Zeitstress geraten könnten, was aber praktisch gar nicht der Fall ist. Denn die einen sind so, die anderen so, die dritten wieder anders, und die vierten – ja, mehr nicht. Vier Sorten gibt es. Interessant, nicht wahr?

Ich gebe zu, ich kann so komplizierte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht so gut erklären. Das ist mein Problem, nicht aber Ihres. Denn gottlob gibt es die Monatszeitschrift P.M. Fragen & Antworten, die in steter Regelmäßigkeit auch denen erklärt, was die Welt im Innersten zusammenhält, die nicht mit akademischen Privilegien bedacht wurden. Das ist nur zu begrüßen, und weil die PM-Leute so viel Übung damit haben, können die das natürlich auch viel besser als ich.

Im Heft 10/2009 werden Schönecks Erkenntnisse so erklärt – leider nicht online, aber ich habe ja die Printausgabe:

Die Soziologin Nadine Schöneck behauptet, die meisten Berufstätigen seien gar nicht so gestresst wie sie meinen.

Mein Reden! Ich hatte es Ihnen ja gestern bereits eingebläut. Okay, bei mir handelte es sich freilich nur um einen Eindruck, den die theoriegeleitete Auseinandersetzung mit der Zeitthematik hinterlassen hat; der muss freilich überprüft werden. Und zwar empirisch, falls Sie sich noch an dieses Wort erinnern.

Schöneck hatte die Teilnehmer einer Studie zunächst schriftlich und anschließend im Rahmen persönlicher Gespräche zu ihrem Zeitempfinden befragt. Gaben die Befragten in der schriftlichen Befragung noch an, ständig unter Strom zu stehen und unter großer Zeitnot zu leiden, stellten Sie ihre Situation interessanterweise später viel entspannter dar. Wieso das?

Gute Frage, die die PM-Redaktion hier als Auflockerungsübung aufwirft. Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, das liegt daran, dass die armen Befragten sich von Frau Schöneck haben bequasseln lassen. Die wiederum glaubt interessanterweise etwas Anderes.

Schöneck glaubt, dass Menschen ihre vermeintliche Zeitnot eher zu relativieren in der Lage seien, wenn sie darüber in Ruhe nachdenken.

Da hat sie natürlich Recht. Wenn man einmal so ganz in Ruhe drüber nachdenkt, übrigens egal worüber, ist man überhaupt gar nicht in Zeitnot. Jedenfalls nicht in diesem Moment; denn da ist man ja in einer Situation der Ruhe. Können Sie mir noch folgen?

Wussten Sie eigentlich, dass der Begriff „Situation“ eine zentrale Kategorie der Soziologie bezeichnet? Nicht? Beschissene Situation. Aber wir wollen nicht abschweifen. Zurück zu dem Gegensatz, dass die Leute sich beim Ausfüllen eines Fragebogens unter Zeitdruck wähnen, aber wenn sie in Ruhe drüber nachdenken, feststellen: huch, ich habe ja meine Ruhe.

Ein Gegensatz, der den Menschen allerdings gar nicht bewusst gewesen sei. Für das Phänomen macht die Soziologin vor allem einen Grund aus: Stress und Zeitnot stellen ein Statussymbol dar …

Und all dies gilt „unabhängig von Bildung und Einkommen“. Sie erinnern sich möglicherweise: 80 Prozent der Befragten haben das Gefühl, ihr Leben habe sich beschleunigt. Und zwar immer, Mitte der 90er Jahre, Mitte der Nuller Jahre, und immer „unabhängig von Bildung und Einkommen“. Ich kann gar nicht so viele Hyperlinks setzen, so oft wie diese hübsche Unabhängigkeitserklärung der Soziologin Schöneck im Internet auftaucht.

Die theoriegeleitete Auseinandersetzung mit ihrem Werk hinterlässt bei mir den Eindruck, dass man am besten gleich die ganze Soziologie „unabhängig von Bildung und Einkommen“ betreiben sollte.

Doch so weit geht die Freundschaft dann auch wieder nicht. Denn erstens muss auch Nadine M. Schöneck sehen, wo sie bleibt, und zweitens ist es bedauerlicherweise so – so sind nun mal die Menschen -, dass Bildung und Einkommen auch Statussymbole sind. Und der ganze Stress ist es auch. Ein Statussymbol.

Na klar: haben Sie mal mit Leuten gesprochen aus ganz bildungsfernen Schichten und enorm einkommensschwach? Nicht? Okay, Frau Schöneck auch nicht. Diese Versager waren nicht ihr Forschungsgegenstand. Ich will nur anmerken: auch hier herrscht ganz erhebliche Zeitnot. Statussymbol.

Aber das soll uns hier nicht interessieren. Uns interessieren Menschen, bei denen wir beim Wort „Status“ nicht sofort lachen müssen, und die dafür Symbole wählen, die ein Mindestmaß an Geschmack erkennen lassen. Morgen.

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