Verdammt gute Frage

Spiegel 49-09 groß Nur mal so angenommen. Es könnte doch sein! Stellen Sie sich das einfach einmal vor!

Sie sitzen bei „Wer wird Millionär?“, bewältigen all die Fragen ohne größere Probleme, und dann kommt die Eine-Million-Euro-Frage. Die hat es dafür aber in sich. Wirklich, eine verdammt gute Frage:

Wann dürfen Deutsche töten?

Verdammt! Sie denken sich: am besten jetzt, auf der Stelle, diesen grinsenden Günter Jauch. Aber klar, das darf man natürlich nicht. Also heißt es jetzt cool bleiben.

Dabei ist die Lage ernst. Wenn man jetzt wenigstens die aktuelle Ausgabe des Spiegels gelesen hätte!

Da steht es nämlich drin. Ja, wann Deutsche töten dürfen, und wann nicht. Spiegel-Leser wissen eben mehr. Aber Sie …, Sie …, Sie haben den genauso wenig gelesen wie ich. Und jetzt sitzen Sie da. Eine Million Euro – und keinen blassen Schimmer. Cool bleiben!

Erst einmal in aller Ruhe sehen, welche Antwortmöglichkeiten angeboten werden.

Wann dürfen Deutsche töten?

A) wenn sie Bock drauf haben

B) wenn es die Anderen auch dürfen

C) wenn echt nichts Anderes mehr geht

D) eigentlich irgendwie nie

Tja. Was jetzt? A kann irgendwie nicht. „Wenn sie Bock drauf haben“ ist ja wohl Quatsch. Andererseits: wer hat eigentlich darüber zu bestimmen, ob die Deutschen etwas dürfen oder eben nicht dürfen? Die UNO vielleicht?

Doch wenn die UNO das zu bestimmen hat, dann müsste „gleiches Recht für Alle“ gelten. Das spräche aber für Antwort B „wenn es die Anderen auch dürfen“. Mist.

Günter Jauch bittet freundlich darum, die Zuschauer und ihn an den Überlegungen teilhaben zu lassen. Sie sagen: „Ich tendiere zu Antwort C.“ „Ach ja“, freut sich Herr Jauch und liest mit einer eigentümlichen Sprachmelodie die Antwort C vor: „Wenn echt nichts Anderes mehr geht. – Meinen Sie?“ Und grinst. Und fährt fort: „Ich will Sie ja nicht beeinflussen.“

Natürlich nicht. Was kommt denn jetzt? „Haben Sie auch schon einmal über Antwort D nachgedacht?“ Wenn Sie jetzt antworten „eigentlich irgendwie nie“, dann sind Sie geliefert. Sagen Sie also besser so etwas wie: “Ja, die kommt natürlich auch in Betracht.“

Jauch spielt den Gelangweilten. Aber er muss freilich auch zu Potte kommen. Mit der Sendezeit. Deshalb wird er gleich ansprechen, dass Sie einen Joker setzen sollten.

Sie sind nämlich bis zur Eine-Million-Euro-Frage glatt durchgestartet, ohne auch nur einmal fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Folglich können Sie jetzt noch alle drei Joker einsetzen. Eigentlich müsste die Million Ihnen sicher sein.

Der Publikums-Joker. Mmhh, der ist bei dieser Frage allerdings keine sichere Bank. Es ist ja so: Sie lassen Deutsche darüber abstimmen, wann Deutsche töten dürfen. Dumme Sache. Wenn Sie die Deutschen nach dem Afghanistan-Einsatz fragen, erhalten Sie in etwa so viele Neinstimmen, wie Sie bei der Todesstrafe an Jastimmen erhalten. Blöd.

Einen Freund anrufen. Okay. Aber wen? Den ehemaligen Klassenkameraden? Der ist jetzt Metzger. Den eigenen Sohn? Anstatt für das Abitur zu büffeln, hängt der den ganzen Tag vor dem Computer und spielt Killerspiele. Oder die Schwägerin mit der sagenhaften Allgemeinbildung, die keinen Kerl abgekriegt hat? Die allerdings macht, vermutlich aus reiner Langeweile, bei Amnesty International mit. – Scheiße alles.

Wann dürfen Deutsche töten? Das Publikum stimmt mit satter Zweidrittelmehrheit für Antwort D: „Eigentlich irgendwie nie“. Das meint auch die Schwägerin. Und es scheint auch zu stimmen. Denn Sie ziehen den 50:50-Joker, und Antwort D bleibt stehen. „Alle drei Joker sind für D“, stellt Jauch fest. „Nehmen wir D? Soll ich einloggen?“ Jauch grinst schon wieder.

Und jetzt? Was machen Sie? Den Spiegel nicht gelesen. Aber vielleicht diese Kolumne hier gelesen?

Dann wissen Sie es ja: Pazifismus ist unmoralisch. Immer. Krieg ist aber auch unmoralisch. Fast immer. Antwort C ist richtig.

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