Geboren in Mülheim an der Ruhr

Helge Schneider 2002

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Geboren in Mülheim an der Ruhr lebe ich nunmehr seit gut drei Jahrzehnten in Duisburg. Auch der Umstand, dass es mich zwischenzeitlich sechs Jahre nach Rheinberg verschlagen hatte, mag nicht viel am ernüchternden Fazit ändern: weit gekommen bin ich nicht.

Das macht aber nichts! Denn eine der wichtigsten Lehren, die ich aus Mülheim mitgebracht hatte, lautet etwa so: man muss es selbst gar nicht sonderlich weit bringen. Es reicht durchaus, wenn man jemanden kennt, der es zu ein wenig Ruhm gebracht hat. Man muss ihn (oder sie) auch nicht sonderlich gut kennen; wichtig ist nur, sich selbst im Glanze der Prominenz (des Prominenten, natürlich) zu sonnen. Das garantiert eine Aufmerksamkeit, die einem ein Bericht über die eigene Beförderung – sagen wir: vom Sachgebiets- zum Abteilungsleiter (oder so) – niemals würde bescheren können.

Helge Schneider

Und weil dies so ist, kennen alle Mülheimer, jedenfalls alle meiner Generation (im großzügig definierten Sinne) den Helge Schneider. Persönlich, versteht sich. Aus dem Fernsehen wäre ja keine große … tja was, Kunst passt ja wohl hier sowieso nicht. Egal: persönlich kennen sie „den Helge“. Klare Sache, und zum Beweis können sie in aller Regel auch mindestens eine Anekdote über Helge Schneider präsentieren. Fängt meistens etwa so an: „Da habe ich neulich den Helge …“

Wenn Sie so etwas erzählen können – als Mülheimer, versteht sich; es muss auch nicht unbedingt in Mülheim sein -, dann haben Sie es definitiv geschafft, sich aus der Masse abzuheben. Dann stört es auch nicht weiter, wenn im Moment Ihrer Berichterstattung tatsächlich Helge Schneider auf der anderen Straßenseite steht, und Sie ihn nicht erkennen. Dann sind Sie wer! Zwar nicht weit gekommen, nicht einmal bis nach Duisburg, geschweige denn bis nach Rheinberg. Dafür gehören Sie aber zu dem erlauchten Kreis der etwa 30 bis 50 Tausend Auserwählten, die „den Helge“ kennen. Das soll Ihnen erst mal einer nachmachen!

Michael Heckhoff

So, und jetzt ich. Ich kenne Helge Schneider! Oder sagen wir, kleines Zugeständnis: ich kannte ihn – dafür aber sogar persönlich. Und Sie glauben ja gar nicht, wen ich noch so alles kenne! Allein schon aus Mülheimer Zeiten. Den Michael Heckhoff zum Beispiel. Der hat es wirklich weit gebracht. In Sachen Raumüberwindung zwar „nur“ bis nach Aachen (im Vergleich zu mir auch schon mal ein Stück), aber darüber hinaus auf die Titelseiten aller Zeitungen. Weil es ihn irgendwie wieder nach Mülheim zog, den Michael Heckhoff.

Okay, ich kannte ihn nur flüchtig. Aus dem zivilen Bevölkerungsschutz. Man wollte nicht zur Bundeswehr, hatte sich aber schon gedacht, dass man als Pazifist wohl nicht durch die Gewissensprüfung kommen wird, und so traf man sich halt dort. War ein komischer Kerl, der Heckhoff. Ich hätte nie gedacht, dass der einmal so richtig berühmt werden würde. Gestern haben sie ihn wieder geschnappt – in Mülheim. Jetzt sitzt er wieder im Knast, der Michael. LL + SV = lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Dabei hat der Heckhoff niemanden umgebracht. Auch die Zahnarzthelferinnen hat nicht er angezündet, sondern sein damaliger Komplize. Dennoch hat er sich ein paar Male dafür entschuldigt. Glaubhaft. Na klar: der hat schon so einige Sachen angestellt, die man, wenn man genau drüber nachdenkt, eigentlich nicht machen sollte. Dass die den dafür aber bis ans Ende seiner Tage nicht mehr rauslassen wollen, verstehe ich eigentlich nicht so ganz.

Das war aber nicht der Grund dafür, dass der Heckhoff jetzt so eine Show abgezogen hat. Michael war einfach nur schwer sauer. Er hatte nämlich vor Gericht erstritten, dass er sich dreimal im Monat ein paar Stündchen Aachen angucken kann.

Dennoch hat ihm die Anstaltsleitung nur einmal monatlich diesen bewachten Ausgang bewilligt. Für mehr ist nämlich – Gerichtsurteil hin, Gerichtsurteil her – weder Geld noch Personal da. Denn weil der Heckhoff so brandgefährlich ist, müssen mit ihm immer mindestens drei bestausgebildete Nahkampfexperten mitlaufen. Und woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Joachim Meyer

Wie gesagt, ich kannte Michael Heckhoff nur flüchtig. Ja, er war mitunter ein komischer Kerl, meistens aber im besten Sinne des Wortes. Also ein sehr witziger Typ. Viel besser kannte ich, nur einmal so als Beispiel, Joachim Meyer. Ach so, den kennen Sie nicht? Okay, der war (und ist) auch nicht ganz so ein witziger Typ. Dafür war (und ist) er einer meiner besten Freunde.

Und verdammt weit gekommen ist er auch. Bis nach Israel. Und ob Sie ihn nun kennen oder nicht: er stand jedenfalls – die letzten Tage wiederholt – in der Zeitung. Und ich kenne ihn sehr gut. Da können Sie mal sehen!

Kristina Köhler

Ich kenne übrigens auch Kristina Köhler. Da staunen Sie, was? Na gut, „Kennen“ ist etwas zuviel gesagt. Sie kommt schließlich nicht aus Mülheim. Aber wir hatten immerhin zweimal eMail-Korrespondenz. Einmal ging es um Integrationspolitik, das andere mal um die Solidarität mit Israel. In dieser Sache sind wir einer Meinung, die Kristina Köhler und ich.

Jetzt wurde sie zur Bundesfamilienministerin ernannt. Eine „konservative Hardlinerin“ soll sie sein, lese ich in der Presse. Ihre erste Erklärung als Ministerin zielte darauf ab, dass Kitas und Schulen ein stärkeres Augenmerk auf die Entwicklung der Jungen nehmen müssen. Davon bin ich überzeugt. Danach wies Kristina Köhler darauf hin, dass auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Werte gelebt und vorgelebt werden können. Nun, wenn es um die Rechte der Homosexuellen geht, könnte selbst ich zum Hardliner werden.

Konservativ bin ich ja ohnehin. Nur: die harte konservative Linie ist doch nicht für, sondern gegen Schwule und Lesben gerichtet. Komplizierte Welt. Ich bin nämlich sicher, dass Kristina Köhler, weil oder obwohl oder wahrscheinlich ganz unabhängig davon, dass sie so jung, blond und freundlich ist, wirklich eine konservative Hardlinerin ist.

Womit sich mir unvermeidlich die Frage nach dem Knackpunkt stellt. Woran macht sich harter Konservatismus fest? Für mich liegt – gleichsam als Lackmustest – die Grenze zwischen Gut und Böse leicht erkennbar bei den genannten Themen: Israel, Bildung, Homosexuelle. Doch was Frau Köhler dazu sagt, finde ich alles in Ordnung.

Nach einigem Nachdenken fällt mir ein weiteres Thema ein, wo der, in diesem Fall: die, Konservative seine Sehnsucht nach klaren Verhältnissen, nach Recht und Ordnung ausleben kann: die sog. „innere Sicherheit“. Ob auch sie wohl ihre Freude an diesen sadistischen Verfolgungsjagden hat? Und dabei die Gefahr für Leib und Leben aller völlig ignoriert? Ob auch sie als Justizministerin angeordnet hätte, dass ein SEK-Kommando die Zahnarzthelferinnen befreien soll? Mit dem Risiko, dass die absolut unschuldigen Frauen ums Leben kommen bzw. – wie es dann tatsächlich geschehen ist – lebensgefährlich verletzt werden?

Ich weiß es nicht. Wie gesagt: so gut kenne ich Kristina Köhler ja gar nicht. Und außerdem ist sie jetzt auch nicht für Michael Heckhoff zuständig, sondern für die Familienpolitik. Also nicht für Heckhoff, der im übrigen auch so etwas ist wie ein konservativer Hardliner. Über die Straßenkriminalität, Handtaschenraub und so, kann sich der Michael so richtig in Rage reden. Es sei weit gekommen in unserer Gesellschaft, meint er.

Und ich …?

Kristina Köhler ist eine Freundin Israels. Vielleicht wissen Sie es schon: ich auch. Bestimmt nicht nur wegen Joachim Meyer, bestimmt aber auch ein wenig seinetwegen. Freitag Abend war er bei uns zum Abendessen, gemeinsam mit seinem Bruder Gabriel.

Und so beim Plaudern kam ich auf eine Frage, die mir nicht allzu wichtig war; denn sonst hätte ich sie Joachim schon längst per eMail gestellt. Aber wenn man einmal so ins Plaudern gekommen ist …

Jedenfalls kam mir in den Sinn, dass im Rahmen einer politischen Auseinandersetzung in Duisburg irgendjemand mich als Linkszionisten bezeichnet hatte. Das hatte mich nicht weiter gestört, wohl aber gewundert. Und da wollte ich jetzt doch einmal aus berufenem Munde erfahren, ob das überhaupt möglich sein könne, ob also jemand wie ich überhaupt Zionist sein könne.

Doch, doch, dies sei sehr wohl möglich, erklärte mir nicht nur Joachim, sondern auch Gabriel Meyer. Und ich sei auch sehr wohl einer. Ein Zionist. Du lieber Himmel! Wie sich das schon anhört! Sei´s drum.

„Aber wieso Linkszionist?“ ergänzte mein alter Kumpel Joachim das erklommene Erkenntnisniveau mit einer rhetorischen Frage. „Das, was Du in Deinen Israel-Kolumnen schreibst, ist in Israel durchaus der Mainstream der Diskussion!“

Okay, dann eben nichts mit „links“, dann eben nur Zionist. Geht ja auch, kann man ja auch mit leben. Die Kristina Köhler zum Beispiel.

Außerdem kann ich das ja auch wirklich nicht erwarten! Dass der alle meine Israel-Kolumnen liest. Der Joachim. Und sollte er sie wirklich (auch nur fast alle) gelesen haben, dass er dann auch noch darauf verzichtet, mich zu ärgern. Der alte Schlawiner.

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