Der Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz

Original caption: An Anti-Taliban Forces (ATF)...

Image via Wikipedia

Donnerstag, den 26. November 2009, früh morgens, sozusagen in der Herrgottsfrühe, sehe ich mir im Internet an, was die Tagespresse so zu erzählen weiß. Und ich sehe, was ich mir ohnehin schon gedacht habe: das Leben ist ein Jammertal, gerade auch das Leben in Deutschland.

Und die Deutschen erst einmal! Bombardieren in Afghanistan Zivilisten, die sich interessiert zwei Tanklaster anschauen, wollen es dann aber irgendwie nicht gewesen sein. Knöpfen ihren Studenten, die ohnehin nichts auf der Naht haben, jede Menge Kohle dafür ab, dass sie in überfüllten Hörsälen irgendwo auf der Treppe im Seitengang sitzen dürfen. Sind zu feige, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen, obwohl das denen so gesagt wurde. Und, und, und …

Und da ist man um so glücklicher, auch einmal etwas Positives in der Zeitung lesen zu dürfen. Beziehungsweise online; da ist nämlich gestern Abend, also am Mittwoch, den 25. November 2009, um 23:20 Uhr, ein Aufsatz über unsere „Identität“ eingestellt worden. Titel: „Warum die Deutschen viel besser sind als ihr Ruf.“ Nun, das hört man ja gern.

Auch wenn von vornherein die zwei kleinen Schönheitsfehler nicht zu übersehen sind: erstens attestiert uns nämlich ein Deutscher, dass wir nicht nut gut, sondern sogar besser sind, jedenfalls als unser Ruf. Viel besser sogar, und zweitens erfahren wir dieses in Welt Online; aber sei´s drum: wer möchte es sich schon entgehen lassen, wenn in all der Trübsal einer Presseschau endlich auch einmal ein wohl verdientes Kompliment kommt?

Und so rackert man sich durch diese, etwas zu lang geratene Erzählung, liest eine Menge an Richtigem wie Absurdem, fragt sich, ob die „Welt“ wohl nach der Anzahl der Zeilen“ das Autorenhonorar bemisst, und ob das dann wohl „Zeilengeld“ heißt – bis man an diesem Absatz hängen bleibt. Auch hierfür wurde gewiss Zeilengeld gelöhnt:

„Aber das hält die Hälfte der Ossis nicht davon ab, sich ihre DDR schönzureden, sozusagen als Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz, in dem man relativ gut leben konnte, wenn man auf saubere Luft, frisches Gemüse und sichere Privatsphäre keinen Wert legte.“

„Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz“ – brillant! Da stockt einem ja der Atem. Ich zitiere ohne Auslassung weiter:

Die Diskussion speist sich aber auch aus einer anderen Quelle: Inbegriff des Unrechtsstaats ist das Dritte Reich: Seine Symbole heißen Auschwitz, Endlösung und Kraft durch Freude.

Bei der „Welt Online“ geht fair nun einmal vor. Das muss man zugeben: auch das Dritte Reich war – genau genommen – ein Unrechtsstaat. Sie wissen schon: „Auschwitz“.

Da kann Bautzen natürlich nicht mithalten.

Ja, so schreibt das dieser talentierte Autor in der „Welt“. Auch hier habe ich wieder ohne jede Auslassung zitiert. Glauben Sie mir doch einfach! Also bitte, Ihretwegen:

das Dritte Reich: Seine Symbole heißen Auschwitz, Endlösung und Kraft durch Freude. Da kann Bautzen natürlich nicht mithalten.

Sehen Sie?! Und nun, ohne jede Auslassung, die Moral von der G´schicht:

Wenn man allerdings Auschwitz zum Maßstab nimmt, hat man keine Maßstäbe mehr, …

Schöner hätte ich es in der Tat auch nicht formulieren können. Auschwitz zum Maßstab nehmen?! Wo soll das bloß hinführen? – Ach so, weiter ohne Auslassung:

dann ist jede andere Form der Menschenverfolgung und Menschenvernichtung nicht ein Kapitalverbrechen, sondern allenfalls ein Vergehen.

Ich fasse zusammen, umständehalber mit ein wenig Auslassung:

Wenn man allerdings Auschwitz zum Maßstab nimmt, dann ist jede andere Form der Menschenvernichtung allenfalls ein Vergehen.

Etwas ausgelassen formuliert. Aber keineswegs sinnentstellend. Falls der Sinn tatsächlich unterstellt werden darf. Dieser Unsinn. Richtig ist vielmehr folgendes: nach jedem erdenklichen Maßstab ist Völkermord Völkermord, ist ein Angriffskrieg ein Angriffskrieg, und ist Terror gegen die Zivilbevölkerung Terror gegen die Zivilbevölkerung.

Und dort, wo andere Schreckensherrscher zu diesen „Methoden“ greifen, müssen sie es sich gefallen lassen, in dieser (jeweiligen) Hinsicht mit den Nazis verglichen zu werden. Das relativiert den Holocaust keineswegs. Daraus folgt: werden diktatorische Systeme, die nicht zu diesen Methoden greifen oder gegriffen haben, mit den Nazis vergliichen, haben wir es mit einer (für mich ganz persönlich schwer erträglichen) Verharmlosung des Holocausts zu tun.

Es wäre jedoch unfair von mir, würde ich den Vorschlag, die Verleugnung oder Verharmlosung des Holocausts aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, damit irgendwie in Zusammenhang bringen. Nein wirklich, da besteht keinerlei Zusammenhang. Auch wenn es sich um denselben Verfasser handelt, nämlich Henryk M. Broder. Seinen Welt-Online-Artikel finden Sie hier.

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