Das Reitz-Thema, Teil 2 – Wo Recht zu Anrecht wird …

Photograph of Albert Einstein in his office at...

Image via Wikipedia

Dies ist die Fortsetzung des Beitrags „Studium alla bolognese“; es geht also weiter mit dem Reitz-Thema „Das straffe Studium ist richtig“. Es geht weiter im Text des WAZ-Chefredakteurs – mit einem Satz, der an Schönheit kaum zu überbieten ist und dabei ein Maß an Plausibilität aufweist, dass man nur sagen kann: tja …

Schließlich haben die Steuerzahler ein Anrecht darauf, dass ihr Geld vernünftig verwendet wird.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Recht und einem Anrecht? – Während in einem Rechtsstaat grundsätzlich „gleiches Recht für Alle“ gilt, handelt es sich beim Anrecht um ein Verhältnis zwischen Ungleichen. Reitz hatte einen konkreten Anspruch der Einen an die Anderen im Kopf.

Und die Einen sind – wie könnte es anders sein, wer sonst soll schon bei uns irgendwelche Anrechte haben? – die in Zusammenhängen wie diesem nicht nur von Reitz allzu gern bemühten Steuerzahler. Gern treten sie auch im Singular auf: „der Steuerzahler“.

Nun gibt es in Deutschland knapp über 40 Millionen Erwerbstätige, also etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung. Die wiederum zahlen nicht alle Steuern, jedenfalls keine Lohn- und Einkommensteuern. Politiker aus den von Reitz bevorzugten Parteien lassen kaum eine Gelegenheit verstreichen, darauf hinzuweisen, dass „sehr viele“ untere Einkommen steuerfrei bleiben.

Die Mehrwertsteuer bezahlen Alle; aber die meint Reitz freilich nicht, wenn er von denen spricht, die ein „Anrecht“ geltend machen können. Arbeitslose und Geringverdiener, Rentner und Studenten können sich selbstverständlich nicht auf diesen vordemokratischen Herr-im-Haus – Standpunkt berufen. Wenn es nach Reitz (und vielen anderen) geht, sollen nur diejenigen im Lande das Sagen haben, die mehr oder weniger zurecht kommen: die Steuerzahler eben.

Paternalismus pur: so lange die Studenten ihre Füße bei uns unter den Tisch stellen, nämlich unter den Tisch der Steuerzahler … ob Ulrich Reitz weiß, dass die Steuergelder nicht etwa den Steuerzahlern gehören, sondern dem Staat, also allen 82 Millionen Staatsbürgern zu gleichen Teilen? Ob er weiß, dass das Zensuswahlrecht vor neunzig Jahren abgeschafft wurde?

Fahren wir fort mit dem nächsten Satz: die Bittsteller sind die gleichen, sie heißen nach wie vor Studenten. Auch die Gönner sind die gleichen, treten jetzt aber unter einem anderen Logo auf:

Studenten, den alten Humboldt unterm Arm (Wissen um seiner selbst willen), einfach mal losstudieren zu lassen, ist nicht im Sinne der arbeitenden Bevölkerung.

Reitz, der Arbeiterführer, sieh mal einer an! Nicht, dass es im Titel des Blattes demnächst heißt: „WAZ – die Zeitung der arbeitenden Menschen“. Wie auch immer: der Chefredakteur weiß, was in deren „Sinne“ ist. Nicht etwa in deren „Interesse“, in dem andere zu sprechen meinen; denn Reitz geht es ja, wie wir im Satz zuvor lesen konnten, um die „Vernunft“.

Und Vernunft – was immer dies auch sein mag: mit Humboldt jedenfalls kommt man da nicht weiter. Wilhelm von Humboldt – ich bitte Sie! Der hat doch mit Vernunft nichts zu tun.

Damals – mag sein. In Preußen, wo sie noch ein vernünftiges Wahlrecht hatten. Je mehr Steuern man zahlte, desto mehr Stimmen hatte man. Keine Steuern, keine Stimme, nichts zu sagen. Das waren noch Zeiten! Ich könnte ganz wehmütig werden. Aber heutzutage? Denken Sie doch einmal nach!

„Zwei Millionen Studierende, eine halbe Million in NRW – wir haben die Massen-Universität“, sagt Reitz. Sagen Alle. Ja, Du lieber Himmel! Da muss das doch alles fluppen. „Ohne dem Studium eine straffe Struktur zu geben, geht es da nicht“, sagt Reitz. Sagen aber leider nicht Alle. Stattdessen laufen so einige Spinner mit dem alten Humboldt unterm Arm herum. Heute! In Zeiten der Globalisierung und alledem. Da kommen die mit Humboldt, also mit „Wissen um seiner selbst willen“, wie Reitz das markig auf den Punkt bringt, das Humboldtsche Bildungsideal.

Da lachen die sich doch kaputt, die Chinesen, Inder und wie sie alle heißen. Das Humboldtsche Bildungsideal – was stellen sich diese Träumer eigentlich darunter vor? Unsereins kann da nur das machen, was ein Ulrich Reitz gewiss nicht nötig hatte, weil er das ohnehin – wenn nicht sogar besser – weiß: bei Wikipedia nachsehen. Da steht:

Die Universität soll deshalb ein Ort des permanenten öffentlichen Austausches zwischen allen am Wissenschaftsprozess Beteiligten sein. Die Integration ihres Wissens soll mit Hilfe der Philosophie zustande kommen. Diese soll eine Art Grundwissenschaft darstellen, die es den Angehörigen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen erlaubt, einen Austausch ihrer Erkenntnisse zustande zu bringen und sie miteinander zu verknüpfen. Das humboldtsche Bildungsideal bestimmte lange Zeit die deutsche Universitätsgeschichte entscheidend mit, auch wenn es niemals praktisch zur Gänze realisiert wurde oder realisierbar ist. Große intellektuelle Leistungen der deutschen Wissenschaft sind damit verbunden.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Theodor W. Adorno, aber auch Albert Einstein haben sich dazu bekannt.

Na gut, der Einstein. Aber die anderen Alle? Waren nicht alles Juden, zugegeben, wäre mir auch egal. Verstehen Sie mich also nicht falsch! Ich frage Sie nur: was soll dieser ganze Quatsch? Der kann doch nicht im Sinne der arbeitenden Bevölkerung sein. Marx und Freud und wie sie alle heißen – der Steuerzahler hat doch ein Anrecht darauf, dass …

Also bitte: verstehen Sie mich nicht falsch! Aber jeder Steuergroschen muss doch hart erarbeitet werden. Auch in der WAZ-Redaktion. Und dann gehen die Universitätsbibliotheken hin und verbraten das schöne Geld für Bücher von denen?! Armes Deutschland!

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