Diese Republik ist keine Dschungelshow

Stefan Niggemeyer / Twitterlesung at re:publica09

Image by re:publica09 via Flickr

Stuttgart (ots) – Der Journalist Stefan Niggemeier hat am Mittwochabend, 18. November 2009, den mit 10.000 Euro dotierten Hans Bausch Mediapreis des Südwestrundfunks (SWR) für seine hervorragend recherchierten Analysen und klugen Einwürfe zum Medienschaffen in Deutschland erhalten. Zu der Preisverleihung waren zahlreiche Gäste ins Fernsehstudio 1 des SWR in Stuttgart gekommen, unter ihnen auch Kultblogger Sascha Lobo.

SWR-Intendant Peter Boudgoust würdigte Stefan Niggemeier bei der Preisverleihung als Blogger und Medienkritiker, der Journalisten den Spiegel vorhalte. Dies geschehe bei Niggemeier nicht plump und oberflächlich, sondern sehr differenziert. Boudgoust: „Stefan Niggemeier steht für einen Qualitätsbegriff, der für alle Medien gilt.“

Wolfram Weimer, Herausgeber des politischen Magazins „Cicero“ und zukünftiger Chefredakteur des „Focus“, nutzte seine Laudatio auf den Mitbegründer von „Bildblog.de“ für einen kritischen Blick auf die deutsche Medienlandschaft. Im europäischen Vergleich sieht Weimer die deutsche Medienkultur stark von ihren Wurzeln entfernt. Weimer: „Die seriösen, klassisch denkenden und handelnden Journalisten werden zusehends marginalisiert. Die Schaumschläger, Zuspitzer, [ad#cicero]emotionalen Hochjazzer und PR-Spezialisten drängen hingegen auf die bunten Bühnen der Medienindustrie.“ Weimer verwies auch auf den immer größer werdenden Konkurrenzdruck der Medien untereinander. Dies führe zu einem Wettlauf um den immer heißeren, den immer gemeineren, unglaublicheren Skandal. Weimer: „Wir jagen von einer Panik in die andere. Vorgestern Waldsterben und Klimaschock, dann Kampfhunde und SARS, gestern Feinstaub und BSE, heute Vogelgrippe – oder ist es doch die Schweinegrippe? – der Alarmismus prägt die Mediendemokratie.“

In einer Zeit, in der man zuweilen den Eindruck habe, „dass am Ende eine ganze Gesellschaft im ‚Big Brother Container‘ sitzt und über Pickel räsoniert“, sei Stefan Niggemeier „ein Trost, weil er ein Urprinzip der Demokratie verkörpert, das Prinzip der Gegenöffentlichkeit“. Niggemeier schaffe diese kritische Gegenwelt gerade mit dem Internet, von dem viele behaupteten, es sei unseriös und oberflächlich. Weimer: „Tatsächlich legt gerade das Internet die Seriositäts- und Glaubwürdigkeitsdefizite des klassischen Mediensystems offen. Informationslücken, Debattentabus und Legitimationsdefizite der etablierten Print- und TV-Welt werden im Internet korrigiert.“ Der Erfolg Niggemeiers und der an ihn verliehene Hans Bausch Mediapreis sei ein Zeichen dafür, dass „die Verflachung und Bevormundung vom Publikum auf Dauer nicht hingenommen wird und die Gegenbewegung kommt, damit Deutschland nicht der Zwangs-RTLisierung ausgeliefert wird. Denn diese Republik ist mehr als eine Dschungelshow.“

Stefan Niggemeier veröffentlicht seine medienkritischen Beiträge in Printmedien, unter anderem der FAZ-Sonntagszeitung, und vor allem in seinem eigenen Webblog. Im Gespräch mit Moderatorin Gabi Bauer betonte er, dass viele Journalisten das Internet zu Unrecht verteufelten. Statt als Konkurrenz zum professionellen Journalismus sehe er Blogs und Foren als Ergänzung. Niggemeier: „Im Netz kommen Stimmen zu Wort, die man sonst nicht hören würde.“ Dass er den Hans Bausch Mediapreis verliehen bekommen habe, sehe er auch als Aufforderung an die Medien, sich der Kritik zu stellen.

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