Adolf Sauerland: Keinen Zentimeter zurückweichen!

SauerlandAm Abend des 9. November lud die Stadt Duisburg – gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft – zu einer Gedenkveranstaltung in den Ratssitzungssaal ein. Obwohl sich die mediale Aufmerksamkeit auf den zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls konzentrierte und im Gegensatz dazu die Erinnerung an die Pogromnacht des Jahres 1938 nicht auf einen „runden“ Jahrestag fiel, reichten die Sitzplätze im Ratssaal und auf seinen Emporen nicht für alle Besucher aus.

Das Hauptreferat des Abends hielt der jüdische Journalist Günther G. Ginzel. Im Anschluss an die Veranstaltung im Rathaus führte ein Schweigemarsch zur Gedenkstätte am Rabbiner-Jakob-Weg, wo für die Opfer des Judenpogroms Kränze niedergelegt wurden. Vorher gab es die

Begrüßung durch Herrn Oberbürgermeister Adolf Sauerland

Wir dokumentieren den Wortlaut mit Dank an den OB für die freundliche Genehmigung.

Sehr geehrter Herr Ginzel,

sehr geehrter Herr Marx, sehr geehrter Herr Rabbiner Zinvirt,

sehr geehrter Herr Hein (CJG) , lieber Herr Reichwein (DIG),

sehr geehrter Herr Alt-Oberbürgermeister Krings,

meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie im Namen der Stadt Duisburg sowie im Namen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zu dieser Gedenkveranstaltung, mit der wir in ebenso guter wie notwendiger Tradition der unheilvollen Nacht des 9. November 1938 und ihrer zahllosen Opfer gedenken.

Wie in jedem Jahr verneigt sich Duisburg vor seinen jüdischen Mitbürgern, die in der Reichspogromnacht ihren Besitz, ihre Würde, ihre Gesundheit oder gar ihr Leben lassen mussten. Denn es waren Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, es waren Duisburgerinnen und Duisburger, die damals auf beiden Seiten des Geschehens standen: auf der der Opfer und auf der der Täter.

Uns allen hier im Raum ist es ein Anliegen, die Erinnerung an die Reichspogromnacht in der Mitte unserer Stadt zu bewahren, sie in dieser Stadt lebendig zu halten, als Teil des öffentlichen Lebens und als Teil des Selbstverständnisses Duisburgs auch heute, mehr als 70 Jahre danach.

Umso mehr freue ich mich, dass immer wieder junge Duisburgerinnen und Duisburger ihren Beitrag zu dieser Gedenkveranstaltung hier im Rathaus und anschließend auf dem Weg zum Rabbiner-Neumark-Weg leisten. Eingangs hörten wir drei Schülerinnen der Jahrgangsstufe 13 des Max-Planck-Gymnasiums, Esra Akyün, Betül Kücük und Merve Arvik, mit einem selbst geschriebenen fiktiven Text über die Novembernacht von 1938. Herzlich Dank (und alles Gute für’s Abi!) den Schülerinnen und ihrer Lehrerin, Frau Ute Kuhn-Ertel, für den ausgesprochen eindrucksvollen Auftakt zu dieser Veranstaltung.

Meine Damen und Herren, der 9. November wird ja zurecht als „Schicksalstag“ unseres Landes bezeichnet – ganz besonders in diesem Jahr, in dem sich der Fall der Berliner Mauer zum 20. Male jährt. Wenn man die Fernsehbilder sieht, die berühmte Pressekonferenz von Günter Schabowski, dann gewinnt man den Eindruck, der Fall der Berliner Mauer und damit der Weg zur Einheit seien mehr oder weniger einem historischen Zufall zu verdanken, dem Zufall eines mehrdeutigen Sprechzettels in der Hand eines Politbüromitgliedes. So kann Geschichte spielen.

Alles andere als ein historischer Zufall war hingegen der 9. November 1938. Er war das Produkt einer langfristig angelegten und in 5 Regierungsjahren gereiften Strategie der Nationalsozialisten, jüdische Mitbürger aus dem deutschen Volk auszugrenzen, zu entrechten und schließlich zu vernichten. Der 9. November war kein spontaner Volkszorn, wie man glauben machen wollte, sondern Teil eines schamlosen Planes, der alle Menschlichkeit über den Haufen warf, vor nichts und niemandem Halt machte und schließlich unerbittlich in die Shoah führte.

Ich spreche dies hier an, weil ich dem Eindruck entgegentreten möchte, das Ertönen rechtsradikaler Positionen, das Auftauchen faschistischer Demonstranten, das Aufflammen von Fremdenhaß und Intoleranz hätte in irgendeiner Weise etwas mit Zufälligkeiten zu tun – mit dem Zufall etwa, dass es einige vereinzelte Wirrköpfe gibt, die heute noch dem Hakenkreuz hinterherlaufen, hoffnungslose Spinner, die ansonsten nicht weiter schaden.

Das ist nicht der Fall. Denn es ist kein Zufall, wenn der Faschismus gerade im Osten unseres Landes stärker wird, denn dort konzentrieren die rechten Kräfte ganz gezielt ihre Anstrengungen, Menschen für sich zu gewinnen. Es ist kein Zufall, wenn die Nazis von heute gerade unter Fußballfans versuchen, Sympathie zu finden in einer kruden Mischung aus Bierdunst, Gegröle und Männlichkeitsritualen. So etwas ist kein Zufall, sondern Teil heutiger Strategien von ganz weit rechts.

Seien wir also auf der Hut, und nehmen wir uns ein Beispiel an Menschen wie DFB-Präsident Theo Zwanziger, der vor wenigen Tagen den Leo-Baeck-Preis des Zentralrates der Juden in Deutschland bekommen hat, eine Preisverleihung, über die ich mich sehr gefreut habe. Theo Zwanziger gibt uns ein Beispiel, weil er – das konnte man über Jahre beobachten – keinen Zentimeter zurückweicht, wenn Intoleranz und Fanatismus in den Fußballstadien auftauchen.

Null Toleranz gegenüber Ausländerfeindlichkeit auf den Tribünen – auch dafür steht Theo Zwanziger beispielhaft. Solche Leute brauchen wir. Denn auch die Hoffnung auf ein Einsickern faschistischer Ideen in kleinen Dosen, sei es im Osten, sei es auf den Fußballplätzen, ist ein Teil der Strategie rechter Extremisten. Sie wollen einen Fuß in die Tür bekommen.

Wenn wir dieser Strategie einen Strich durch die Rechnung machen wollen, dann geht das nur, indem wir keinen Zentimeter weichen und vom ersten Moment an aufrecht sagen: Nein! Auch dafür, verehrte Gäste, steht dieser Tag hier im Rathaus und die Veranstaltung, die uns heute hier zusammenführt.

Meine Damen und Herren,

besonders herzlich will in den Festredner begrüßen, Herrn Günther Ginzel. Herr Ginzel ist jüdischen Glaubens, Publizist und Journalist und der christlich-jüdischen Zusammenarbeit besonders verpflichtet. Er spricht heute zu uns über den 9. November 1938 als deutsch-deutsche Herausforderung. Herr Ginzel, seien Sie herzlich willkommen in Duisburg, wir freuen uns sehr auf Ihren Vortrag.

Herzlich willkommen in Duisburg – diese Worte haben einen ganz besonderen Klang, wenn ich sie an zwei Ehrengäste richte, die aus Kanada nach Duisburg gekommen sind. Das Ehepaar Herzstein ist in unserer Mitte. Herr Herzstein ist in der Nazi-Zeit aus Duisburg geflohen und hat unsere Stadt 1994 im Rahmen unseres Besuchsprogrammes für ehemalige jüdische Mitbürger besucht. Damals ist eine Freundschaft mit dem Duisburger Ehepaar Leinemann entstanden, das ich ebenfalls unter uns begrüße.

Bedanken, meine Damen und Herren, möchte ich mich beim Orchester des St. Hildegardis-Gymnasiums unter Leitung von Herrn Georg Bünk für die musikalische Gestaltung dieser Gedenkveranstaltung, bei den Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums, die wir eingangs gehört haben, sowie bei den Schülerinnen und Schülern der 10 a der Realschule Hamborn II, die unter Leitung von Herrn Julius Mels einen Beitrag erarbeitet haben, der gleich noch auf uns wartet.

Schülerinnen und Schüler Duisburger Schulen werden uns auch gleich auf unserem Schweigemarsch begleiten, an dessen Ende wir dann den Schulchor des St. Hildegardis-Gymnasiums unter Leitung von Frau Corinna Müller-Goldkuhle hören werden.

Meine Damen und Herren, bei so viel jugendlicher Mitwirkung an dieser Veranstaltung ist mir nicht bange, dass es uns gelingen wird, was ich eingangs gefordert habe: Keinen Zentimeter zurückzuweichen und klar und entschieden zu zeigen, dass wir verstanden haben, was der 9. November 1938 mit uns Heutigen zu tun hat.

Ich will schließen mit einem Wort von Sophie Scholl, die sagte

„Man muss etwas tun, um selbst keine Schuld zu haben. Dazu brauchen wir einen harten Geist und ein weiches Herz. Wir haben alle Maßstäbe in uns selbst, nur suchen wir sie zu wenig.“

Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, dass Sie heute dabei sind, wenn Duisburg sich seiner Maßstäbe versichert.

Vielen Dank.


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