stern.de: Psychiaterstreit um Tim K. – Gutachter Winckler sieht Motiv des Amokläufers von Winnenden in "sozialer Unbeholfenheit"

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Hamburg (ots) – Die „Perversionstheorie“ des Stuttgarter Psychiaters Reinmar du Bois zum Amokläufer von Winnenden, Tim K., ist unter heftigen Beschuss geraten. Das berichtet stern.de, die Online-Ausgabe des Magazins stern. Der Tübinger Psychiater Peter Winckler, Gutachter in zahlreichen Gerichtsverfahren, hat sich im Auftrag der Opfereltern mit dem Gutachten seines Stuttgarter Kollegen auseinandergesetzt und hält seine Schlussfolgerungen für abenteuerlich, teilweise  sogar „völlig spekulativ“. Das geht aus seiner „methodenkritischen Stellungnahme“ vor, die stern.de vorliegt.

Du Bois hatte in seinem Gutachten, das er im Auftrag der Stuttgarter Staatsanwaltschaft anfertigte, die Hypothese aufgestellt, dass Tim K. eine „masochistische Persönlichkeit“ gewesen sei. Der Schüler habe sexuelle Phantasien gehabt, in denen er sich von Frauen derart gequält sah, dass er diese irgendwann nur noch durch „aggressive Gegenhandlungen“ zu beherrschen glaubte, beispielsweise durch das „reale Abschießen scharfer Munition“. Erst in dem Bewusstsein, dass er die Frauen eines Tages dafür bestrafen werde, habe er sich auf diese Phantasien einlassen können.

Diese „Perversions-Theorie“ sei „völlig spekulativ“ und nicht durch Tatsachen belegt, kritisiert Winckler laut stern.de. Der einzige Hinweis auf eine „masochistische Persönlichkeit“, wie sie du Bois diagnostiziert hatte, seien so genannte Bondage-Bilder auf Tim K.’s Computer. Sie zeigten verschnürte Männer, die von Frauen gequält werden. Über die sexuellen Phantasien von Tim K. sei ansonsten „faktisch nichts bekannt“, es gebe

dazu weder Tagebuchaufzeichnungen noch Zeugenaussagen. Bei einigen Ausführungen sei offenbar „die psychodynamische Phantasie mit Professor du Bois durch gegangen“. Auf Anfrage von stern.de wollte sich du Bois zu der Kritik seines Kollegen nicht äußern.

So hält Winckler auch die Annahme von du Bois, dass Masochismus seinen Ursprung „im Erleben einer mächtigen, frustrierenden, aber unverzichtbaren Mutter“ habe, für nicht haltbar. Auch dafür gebe es im Fall des Amokläufers keine Belege. „Die tatsächliche Wirklichkeit könnte auch ganz anders ausgesehen haben.“ Tims Mutter musste wegen einer Krebserkrankung längere Zeit in die Klinik, als ihr Sohn etwa elf Jahre alt war. Du Bois hatte betont, dass sie „länger emotional für Tim nicht verfügbar war.“

Die Opferangehörigen fordern einen öffentlichen Prozess gegen den Vater Jörg K., der diese und andere offene Fragen zu klären hilft.

Gutachtenkritiker Winckler sieht das Motiv nach Informationen des Online-Magazins vor allem in der „sozialen Unbeholfenheit“ von Tim K. und dem hohen Erwartungsdruck des Vaters. Das Dilemma, stets der „Beste“ sein zu wollen und zugleich zu versagen, habe für eine „explosive Mischung“ gesorgt. An diesen Widersprüchen, so Winckler, „könnte Tim K. schließlich innerlich zerbrochen sein“.


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