Der 9. November, die Diktatur und die Freiheit

mauerfallSonntag, den 8. November 2009, abends, 18:30 Uhr. Im Ersten Deutschen Fernsehen lädt Ulrich Deppendorf zum „Bericht aus Berlin“. Wir sehen die Bilder vom 9. November 1989. Dazu die Musik von Marius Müller-Westernhagen, das Lied „Freiheit“.

Alle die von Freiheit träumen

sollten’s Feiern nicht versäumen

sollen tanzen auch auf Gräbern

Freiheit Freiheit

ist das einzige was zählt

Freiheit Freiheit

ist das einzige was zählt

„Flo“ war im Internet schon vor 305 Tagen ganz gerührt und bezeichnete „Freiheit“ als „Einheits-Song Nr.1“:

Egal ob Scorpions oder wer auch immer, keiner hat die Wende so schön in nem Lied festgehalten wie Westernhagen. Einer der größten deutschen Künstler.Aha, das war also ein Einheits-Song – „Freiheit“. Aus dem Album „Westernhagen“ von 1987 ! An anderer Stelle steht:

Das Lied Freiheit sollte später sogar so etwas wie die Hymne der Wendezeit im Herbst …

Stimmt! Sonst hätte es ja der Deppendorf wohl kaum mitbekommen. Das kann man dem Westernhagen aber nun wirklich nicht vorwerfen! Was hätte der denn machen sollen?! Hätte er sagen sollen: „Leute, hört Euch doch den Text einmal ganz genau an!“

Oder auf sein Lied „Von Drüben“ verweisen sollen, in dem er den „Gerti aus der DDR“ präsentiert? Ging nicht, konnte man nicht bringen.
Nein, der Westernhagen konnte da nichts für. Der Grönemeyer – das muss man zugeben – hat 1991 auf seinem Album „Luxus“ mit seinem Lied „Hartgeld“ ziemlich klar Position zu den zurück liegenden Ereignissen bezogen. Unter den Deutsch-Rockern war Lindenberg der einzige, der sich so richtig gefreut hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Abspann des Berichts aus Berlin ertönt noch einmal „Freiheit“ – zu Bildern von 2009, freilich nur die oben zitierten Zeilen. Der Rest passt ja – wie gesagt – nicht so gut. Und selbst die zitierten Zeilen …

Ulrich Deppendorf hat fertig, Frank Elstner verkündet die Wochengewinner der Glücksspirale, und ich schalte um auf das ZDF. Denn nach den „heute“-Nachrichten kommt das meist gesehene deutsche Polit-Magazin „Berlin direkt“.

Peter Hahne erläutert gleich in seiner Begrüßung, dass wir „am Vorabend eines historischen Tages“ zuschauen. Er meinte aber nicht den 9. November 2009, wenn er von „historisch“ sprach. Das hat er nur so gesagt. Selbstverständlich meinte er den 9. November 1989.

Damals war es freilich weder pathetisch noch bescheuert, den 9. November 1989 als „historisch“ zu kennzeichnen. Aber auch vor zwanzig Jahren fiel es mir nicht immer ganz leicht zu differenzieren. Was ist Pathos? Was ist nur bescheuert? Und wo haben wir es mit einer Mischung aus beidem zu tun?

Man muss der DDR nicht nachtrauern. Sie war ein Polizeistaat, womit im Grunde, wenn nicht alles, so doch das wesentliche gesagt ist. Am 9. November 1989 war sie faktisch am Ende, auch wenn die „neuen Länder“ erst am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik „beigetreten“ sind.

Und dass ausgerechnet am 9. November die Mauer geöffnet wurde, ist weder irgendeinem Freiheitskämpfer anzukreiden, noch den Herren Schabowski oder Krenz oder Konsorten.

Mir liegt auch keineswegs daran, irgendetwas an oder in der DDR schönzureden. Es mag sogar sein, dass die „westliche“ Gesellschaftsordnung die beste aller Welten ist. Ich habe es nur nicht so gern, wenn in Erinnerung an die DDR so getan wird, als lebten wir gleichsam in einem perfekten System. Und richtig kribbelig

werde ich, wenn unter dem Fachbegriff „Totalitarismus“ – oder fürs gemeine Volk: „Diktatur“ – der Eindruck erweckt wird, die DDR sei im Grunde dasselbe gewesen wie der NS-Staat, nur eben von links statt von rechts.

Ich müsste mich darüber nicht aufregen; denn derartige Vergleiche sind offensichtlich absurd. Die DDR hat keine anderen Länder überfallen, geschweige denn einen Weltkrieg mit 50 Millionen Toten angezettelt. Sie hat weder Millionen Juden ermordet, noch zigtausend Roma.

Wäre es die reine Freiheitsliebe, wenn vor „jedweder Diktatur“ gewarnt wird, wie verstärkt in diesen Tagen, oder vor dem „rechten und linken Extremismus“, man könnte es belustigt mit einem Kopfschütteln auf sich bewenden lassen. Ich habe mich gefragt, ob diese antikommunistischen Scharfmacher tatsächlich besorgt sind, es könne zu einer Art Neuauflage einer Stasi-Diktatur kommen. Die Antwort ist denkbar einfach: ja, manche haben allen Ernstes solcherlei Angst.

So lässt sich bis auf weiteres jeder linke Vorschlag mit der Keule „DDR“ denunzieren. Das ist das Eine. Das Andere: man muss keine Angst vor irgendeiner Art Neuauflage des Faschismus haben, wenn man ganz nüchtern darauf hinweist, dass ein ganz erheblicher Teil der Deutschen – abhängig von der Umfrage und der Formulierung ihrer Fragen – rechtsextremistischen Einstellungen und Weltbildern anhängt. Wer den Kommunismus verteufelt, vernebelt die wirklichen Gefahren für die Demokratie. Wem zum 9. November nur der Mauerfall einfällt, nicht aber die „Reichskristallnacht“, muss sich fragen lassen, ob er nur ein Opfer des neuen deutschen Nationalgefühls ist, oder ob ihm grundsätzlich die Maßstäbe für Menschlichkeit und Zivilisation abhanden gekommen sind.


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