Wie wir an die Kohle dran kommen

tagebaue_logoDeutschland ist eine Exportnation. Das ist völlig normal. Kolumbien ist auch eine Exportnation. Das ist ziemlich komisch.

Ich hatte nämlich gelernt, dass Deutschland deshalb eine Exportnation ist, weil es ein rohstoffarmes Land ist. Schon in der Grundschule, dann auf dem Gymnasium, aber auch auf der Universität hieß es, dass wir ein rohstoffarmes Land und deshalb – schließlich müssen wir die Rohstoffe ja im Ausland kaufen – darauf angewiesen seien, dass andere Länder, also das Ausland, auch bei uns etwas kaufen. Sonst …
Eigentlich sehr nett vom Ausland, wunderte ich mich schon des öfteren, dass die zu den Rohstoffen auch noch so ein paar Autos, Fernsehgeräte und sonst noch was dazu gegeben haben.
Trotzdem, und das ist das Komische, sind wir nicht etwa eine Import-, sondern, wie ich schon sagte, eine Exportnation. Dagegen gelten rohstoffreichere Länder, wie z.B. Kolumbien, nicht etwa als Exportnationen, sondern …
Moment, lassen Sie mich einmal kurz überlegen. Nein, eine Importnation würde man Kolumbien wohl auch nicht nennen. Importnation? Gibt es das überhaupt? – Na klar, die USA. Aber eben nicht Kolumbien. Dann ist das wohl doch auch eine Exportnation. Entschuldigen Sie, das ist doch komisch. Oder nicht?
Kolumbien ist nämlich kein rohstoffarmes Land, sondern ein ziemlich rohstoffreiches. Dort wächst und gedeiht bspw. die Cocapflanze sehr gut und reichlich. Ein ziemlich guter Stoff, nicht roh, aber weiterverarbeitet fand dieses Tropan-Alkaloid seinen Weg in ein inzwischen weltberühmtes Erfrischungsgetränk, das allerdings seit 1906 ohne diesen Stoff auskommen muss. Für den Cocastrauch war dies jedoch allein schon deshalb kein allzu großes Problem, weil schon im Winter 1859/60 die aktiven Komponenten des Cocastrauches in Göttingen von Albert Niemann isoliert und liebevoll auf den Namen Kokain getauft wurde.

Das habe ich bei Wikipedia gefunden, wo wir über diese segensreiche Entdeckung auch dieses lesen:
Ab 1879 wurde Kokain verwendet, um Morphinabhängigkeit zu behandeln. Im selben Jahr entdeckte Vassili von Anrep an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg die schmerzstillende Wirkung des Kokains. Um 1884 kam es als lokales Anästhetikum in Deutschland in klinischen Gebrauch, ungefähr zur selben Zeit, als Sigmund Freud in seinem Werk „Über Coca“ …
Ab 1879 wurde Kokain verwendet, um Morphinabhängigkeit zu behandeln … Im Jahr 1898 beschrieb der spätere Nobelpreisträger Richard Willstätter während seiner Doktorarbeit an der Universität München erstmalig die Molekularstruktur von Kokain
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An diesem Beispiel erkennen wir unschwer, dass die Handelsbeziehungen zwischen Kolumbien und Deutschland eine lange Geschichte aufweisen. Sie folgen stets streng dem Muster Rohstoff gegen Wissen – oder Know How, wie man heute so sagt. In der Szene.
Die Umsatzzahlen mit dem hier exemplarisch aufgeführten Kokain oder Koks – wie man heute so sagt, in der Szene – können wegen bestehender Handelshemmnisse leider nur geschätzt werden. Sie sind aber gewiss sehr beeindruckend.

Nicht deutlich genug kann jedoch vor Koks gewarnt werden. Dieser Jargonausdruck für Kokain ist nämlich grob irreführend; denn Koks ist ein in Kokereien erzeugter Brennstoff, der aus dem Rohstoff Kohle gewonnen wird. Und Kohle gibt es auch reichlich – in Kolumbien. Möglicherweise trägt das Land auch gerade deshalb diesen Namen: KOHLumbien. Da bin ich mir aber nicht ganz sicher.
Sicher bin ich mir dagegen darin, dass es sich bei der Steinkohle und dem erwähnten Kohlederivat um nicht ganz so unbedenkliche Exportschlager aus Kolumbien handelt wie bei dem irreführend als Koks bezeichneten Heilmittel.
Das geht schon damit los, dass mir Trianel ein Kohlekraftwerk sozusagen direkt vor die Haustür stellen will, in dem dann Kohle aus Kolumbien verfeuert werden soll. Das soll in Krefeld direkt an der Stadtgrenze zu Duisburg passieren – etwa dort, wo auch schon die große Müllverbrennungsanlage steht. Und weil wir hier in aller Regel Westwind haben (wenn nicht gerade in Tschernobyl ein AKW hochgeht), kommen die ganzen Emissionen genau bei mir in Rheinhausen-Bergheim runter. Kurz gesagt: gesund ist das nun gerade nicht!
Fairerweise muss man dazu sagen, dass die ganze Angelegenheit für die Kolumbianer auch die ein oder andere Schattenseite hat. Man kann sich ja einmal anhören, was zwei kolumbianische Gemeinschaftsvertreter, nämlich Yoe Jefferson Arregoces Ustate und Wilman Palmezano Arregoces, dazu sagen, und zwar am

Freitag, 23. Oktober, 19.00 Uhr, in der
Pfarrkirche St. Matthias, Kirchstraße 1, 47829 Krefeld-Hohenbudberg

Sie informieren über die Abbaubedingungen und die Entrechtung der Bevölkerung in Kolumbien und berichten über den schwierigen Kampf für angemessene Entschädigungen und faire Umsiedlungen. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist kostenfrei.

siehe auch:
Dörfer verschwinden für Importkohle aus Kolumbien, NRZ Duisburg West, 19.10.2009, und nuv-online.de

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