Standpauke für einen Sozialdemokraten

Soziale Kälte? Ziehen Sie sich halt etwas Dickeres an!

Soziale Kälte? Ziehen Sie sich halt etwas Dickeres an!

Nun beruhigen Sie sich mal! Ja, es ist kälter geworden; das ist aber um diese Jahreszeit völlig normal. Es ist Herbst geworden. Ziehen Sie sich halt etwas Dickeres an! Sie wissen ja: es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung.

Und das mit Ihrer „sozialen Kälte“, die sich angeblich hierzulande breit machen könnte, wenn Schwarz und Gelb die Wahl gewinnen, können Sie sich jetzt ja wohl auch abschminken. Wie konnten Sie auch den Sozis mit ihrer Panikmache derartig auf den Leim gehen. Da stehen Sie jetzt aber ziemlich dumm da.
Natürlich ändert sich im Detail das Ein oder Andere. Denn schließlich bedeutet Demokratie Wechsel. Aber groß etwas tun wird sich sowieso nicht, kann ja auch gar nicht. Denn das ganze Land ist ja durch und durch sozialdemokratisch. Außer natürlich die SPD – da meine ich jetzt nicht die Masse der Mitglieder, sondern nur die Partei. Was sich die SPD erlaubt hat, Sie wissen schon, Agenda 2010, Hartz IV, Rente mit 67 und all diese Dinge – da dürfen die Anderen doch nicht einmal von träumen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe an und für sich gar nichts gegen das Sozialdemokratische. Aber dass jetzt Alle irgendwie so sind …
Sogar in der FDP hat sich dieses Virus jetzt schon ausgebreitet. Vor der Wahl wollte das ja niemand dem Westerwelle glauben, das mit dem Schonvermögen für diese Hartz-IV-Leute. Und jetzt? Das Schonvermögen wurde verdreifacht – gerade auf Wunsch der FDP. Wie gesagt: jetzt stehen Sie ziemlich dumm da.

Take it easy!

Hey roter Freund, take it easy! Seien Sie doch froh, dass sich Ihre SPD nach all den elf Jahren jetzt einmal wieder in aller Ruhe regenerieren kann. Und die Anderen den Scheiß machen müssen. Das wird ohnehin kein Zuckerschlecken!
Und gönnen Sie doch der FDP, dass die mal von ihrem Image der „sozialen Kälte“ wegkommt! Sowieso ein blödes Wort, finden Sie nicht?! Jedenfalls: das geht doch nicht, erst die Leute zur privaten Vorsorge ermuntern und, wenn sie dann arbeitslos werden, denen an die Lebensversicherung und an die Immobilie gehen. So kann man einfach nicht mit Menschen umgehen! Verstehen Sie?
Das müssen Sie jetzt einfach mal anerkennen! Diese soziale Schieflage hat die FDP beseitigt. Und die ganze Sache geht gar nicht groß ins Geld, ist durchaus bezahlbar. FDP – die steht ja auch für

Vernunft. Ja, sehen Sie mal hier, was der Tagesspiegel über die Statistik der Bundesagentur für Arbeit schreibt:
Von den 7,4 Millionen Bewilligungen und Ablehnungen von Anträgen auf Arbeitslosengeld II hat sie 2008 nur 39 085 wegen eines ausreichenden Vermögens zurückgewiesen. Das sind 0,53 Prozent.
Na bitte, das kostet doch so gut wie nichts. Das weiß ja keiner, dass die SPD ihre Kundschaft schon ganz privilegiert versorgt hatte. Die Riester-Verträge wurden ja nicht angetastet, ebenso wenig wie die Eigentumswohnungen und die kleinen Häuschen. Aber diejenigen, die anständig vorgesorgt hatten, mit einer anständigen Lebensversicherung oder noch besser: mit einem dynamischen Fonds-Sparplan, und vor allem: mit einem gescheiten Haus – die waren die Gekniffenen. Klarer Fall von SPD-Klientelpolitik, also genau dem, was die Sozis der FDP immer vorgeworfen haben. Aber mit dieser Ungerechtigkeit ist jetzt Schluss!
Und fangen Sie mir nicht wieder mit den sog. „Besserverdienenden“ an! Die können ja schließlich auch einmal arbeitslos werden – in Ausnahmefällen. 0,53 Prozent – jetzt bitte ich Sie aber!

Vater Staat und Mutter Merkel

Außerdem müssen Sie bedenken, dass wir für diejenigen, die nicht ganz so gut verdient oder ihre Villa einfach geerbt hatten, ja immer noch die CDU haben. Also: mal nicht die Pferde Scheu machen! Wir leben in einem – manchmal leider ausufernden – Sozialstaat, das bedeutet: die werden sich schon kümmern – „Vater Staat und Mutter Merkel“,
wie die Wirtschaftwoche kürzlich ein Interview mit dem Markenexperten und Psychologen Stephan Grünewald überschrieben hat. Wie bitte, Sie lesen die Wirtschaftwoche nicht?! Das sollten Sie aber mal tun; dann nehmen Sie diese Dinge von einer ganz anderen Warte aus wahr.
Da sagt dieser Psychologe zum Beispiel: Nahezu paradox erscheint, dass ausgerechnet die eigentlich traditionell als wirtschaftsnah betrachtete CDU sich als die Partei etabliert hat, die in Gestalt von Angela Merkel den Wählern suggeriert: Ich lasse keinen fallen, ich bin für Euch da.
„Nahezu paradox“, das ist doch etwas für Sie unverbesserlichen Sozi, das finden Sie doch bestimmt auch, nicht wahr? Und da fragt die Wirtschaftwoche knallhart nach:
Müssen da nicht viele Wähler mit Produktenttäuschung rechnen?
So, und jetzt sind Sie dran! Was glauben Sie denn wohl, was der Markenexperte jetzt antwortet? – Nein, nicht, was Sie antworten würden. Klar, Sie würden sagen: Produktenttäuschung. Weil Sie ja parteiisch sind. „Soziale Kälte“ und das Gerede. Als wenn die SPD an den Tatsachen vorbei käme! Und es ist nun einmal eine Tatsache, dass die Krise jetzt zwar hinter uns liegt, aber eben nicht hinter dem Arbeitsmarkt. Und denken Sie an die Staatsfinanzen! Also noch einmal die Frage:
Müssen da nicht viele Wähler mit Produktenttäuschung rechnen?
Und da sagt der Herr Grünewald, fürwahr ein kluger Mann:
Ja, sie übersehen, dass wir immer noch in einer Krise stecken, die einschneidende Maßnahmen nötig macht. Einige unserer Befragten sagten sogar: Krise? Kenn’ ich nicht, habe ich nichts mit zu tun. Diese Leugnung wird dadurch erleichtert, dass viele nichts von der Krise spüren, im Gegenteil: Sie profitieren etwa von niedrigen Energiepreisen. Das versetzt sie in einen Zustand des Konsumkarnevals: Der Karneval ist das Fest der letzten Stunde, man weiß, es kommt eine Zeit des Verzichts, aber vorher will man es noch einmal richtig krachen lassen.

Konsumkarneval und Systemfrage

„Konsumkarneval“ – ich könnte mich kaputt lachen. Aber so ist es doch. Ein treffendes Wort. Kluger Kerl, dieser Grünewald. Ich hoffe, das geht auch einmal in Ihren Schädel, dass das nicht so weiter gehen kann.
Natürlich, bei so was muss man mit Klugheit und ein bisschen taktischer Raffinesse herangehen. Da muss ich dem Kurt Lauk schon Recht geben; das ist der Präsident des CDU-Wirtschaftsrats. Herr Lauk mahnt zu einem bisschen Geduld.
Wenn es nach dem Präsidenten des CDU-Wirtschaftsrats geht, wird „zufällig“ so manche „Präzisierung“ erst nach der NRW-Landtagswahl im Mai 2010 umgesetzt.
Clever, nicht wahr? Sie haben ja völlig Recht, mein roter Freund, da in der FDP, da laufen eine ganze Menge neoliberaler Heißsporne rum. Die durften elf Jahre nicht ran und stehen jetzt unter entsprechendem Druck. Gut, dass es so einen wie den Lauk gibt, der denen mal Bescheid stößt:
„Wenn diese Koalition keine Mehrheit im Bundesrat hat, dann arbeitet sie für die Katz“, sagte Lauk weiter
Na eben, diese gelben Wilden wollen die Revolution und ernten die Blockade. Da hat er doch wirklich Recht; auf ein halbes Jahr kommt es jetzt auch nicht mehr an. Focus Online berichtet weiter:
Schwarz-Gelb sollte nach Auffassung Lauks nun in den Bereichen Arbeitsmarkt, Gesundheit, Energie und Finanzen Projekte umsetzen, die in der großen Koalition bislang nicht möglich waren. In der Sozial- und Zuwanderungspolitik müssten „Systemfragen“ gestellt werden.
Wie bitte?! Ich werd´ ja nicht mehr. Ja, so seid Ihr, Ihr Sozialdemokraten. Wenn es wirklich einmal um die Systemfrage geht, wenn echt einmal eine Revolution ansteht, faselt Ihr wieder etwas von „sozialer Kälte“. Kein Wunder, dass Ihr abgewählt wurdet!

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