Meinung: Plattitüden – Attitüden

Es fehlt nicht viel und am Endschroedingers_katzee des Artikels von Dirk Hautkapp fände man das Zentrum der Danteschen Hölle wieder: Das Internet als gigantischer Luzifer, der den armen Bürger als Judas ständig wiederkäut. Denn für Hautkapp steht fest, dass nicht mehr nur blasse Hacker an der Kriminalität im Netz Schuld sind. Nein, längst schon habe sich diese exotische Randerscheinung sozusagen in die Mitte der Gesellschaft vorgeschoben. Ein globales Phänomen. Das man bekämpfen müsse.

Das wäre ja noch eine Aussage, der man zustimmen kann. Ja, Kriminalität muss bekämpft werden und da bildet das Internet keine Ausnahme. Aber das wäre dann auch das Einzige. „World Wide Nepp“, „blasse Hacker“, „Bot-Netze“, „Zombies“. Schlagworte, die bedrohlich wirken sollen, die aber im Zusammenhang gesehen allenfalls ein nebulöses Meinungsbild hinterlassen. Und genauso nebulös ist der folgende Satz:

Wenn auf verschiedenen Kontinenten millionenfach Privat-Computer von Kriminellen zu Bot-Netzen, so genannten „Zombies”, umfunktioniert werden, ohne dass die rechtmäßigen Privatbesitzer anfangs etwas davon mitkriegen, wirkt der nationale Ruf nach mehr polizeilichen Befugnissen erschreckend kleinlaut.

Darüber muss man kurz nachdenken: Bot-Netze sind in der Tat Privat-Computer, die weltweit miteinander über das Internet verbunden werden um kriminelle Handlungen zu begehen. Ja, das ist schlimm. Viren, Trojaner und die dazugehörigen Werkzeuge, die Kriminelle verwenden um Privat-Computer – wobei sicherlich auch so mancher Büro-Rechner dazugehören dürfte – für illegale Zwecke zu verwenden ist böse. In diesem Lichte ist das, was der Staat verlangt – mehr Sicherheitsmaßnahmen – also kleinlaut. Meint Hautkapp. Nur: Bot-Netze operieren weltweit. Es mag natürlich sein dass der Ein oder Andere in Deutschland ein solches Netz aufsetzt, doch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen eines Staates greifen in diesem Fall nicht. Schlichtweg unterstellt wird hier, dass bessere und größere Maßnahmen des deutschen Staates helfen, die Welt zu retten. Deswegen wird dann ja das Schlagwort „global“ in den Massensatzbrei eingeworfen, denn natürlich ist das Internet schon längst „global“ und deswegen müsste es ja – wenn man den Gedanken weiterspinnt – von einer globalen Behörde strengstens zensiert und kontrolliert werden, die dann alle Gesetze aller Länder voraussorgend anwendet. Ich hätte schon einen Namen: Wahrheitsministerium.

Gleich im nächsten Absatz wird beschworen, dass diese Sicherheitslücken von – fassen Sie sich meine Damen und Herren – von Terroristen eines fernen Tages ausgenutzt werden könnten. Terroristen tun das nicht schon heute, nein, die werden das sicherlich irgendwann mal eines fernen Tages tun. Schockierend. Und weltfremd. Natürlich nutzen Terroristen das Internet. Sie nutzen aber auch Telefone, Briefe, Prepaid-Handys. Kurz: Terroristen nutzen jede Technik, die sie benutzen können. Selbst Brieftauben. Aber das ist weder neu, noch aufregend noch irgendetwas, was sensationell wäre.

Es fehlt eigentlich nur die Floskel vom rechtsfreien Raum des Internets um das Fazit des WAZ-Redakteurs zusammenzufassen – der Begriff ist natürlich Unsinn, die deutschen Gesetze gelten auch im Internet und Abmahnungen gehören fast schon zum täglichen Bild. Hautkrapp rührt hier zwei Dinge zusammen, die man getrennt betrachten sollte: Auf der einen Seite betont er, dass die Kriminalität global sei – auf der anderen Seite aber ruft er nach dem starken Staat, der national gegen diese Dinge verstärkt vorgehen soll. Diese Argumentation erinnert an Schrödingers Katze. Doch diese ist wenigstens noch ansatzweise logisch nachzuvollziehen.

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