Bärbel Bohley: DDR-Oppositionelle haben zu früh aufgegeben

Hamburg (ots) – Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley ist davon überzeugt, dass die Oppositionsbewegung nach dem Fall der Mauer ihre führende Rolle in der friedlichen Revolution hätte behalten können. „Wenn wir nach Bonn gefahren wären und gesagt hätten: ,Es wird mit uns verhandelt‘, dann hätte Kohl gesagt: ,Bitte'“. Die Bürgerrechtler seien schließlich in der Position gewesen, „dass wir die Schritte bestimmen konnten“, sagte Bohley in einem Gespräch im neuen, am heutigen Freitag erscheinenden Extra-Heft des Hamburger Magazins stern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Die Chance wurde verpasst. Bohley: „Der Fehler lag auf unserer Seite.“

„Im Oktober war es so, dass die Bürgerbewegung mit ihren Impulsen und den ausgelösten Hoffnungen die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hatte“, sagte der Ex-Oppositionelle Jens Reich

in dem selben stern-Extra-Gespräch. „Also hätte sie nach allen Regeln der revolutionären Theorie auch so auftreten müssen: Wir sind hier die revolutionäre Regierung, der hier ist der Vorsitzende, die anderen machen das Komitee, und unsere Ziele sind: neue Verfassung, neue Wahlen, neue Freiheiten. Und wenn wir jetzt nicht reingelassen werden in die Schaltstellen, dann gibt’s Generalstreik!“

Dass die im „Bündnis 90“ formierte DDR-Opposition bei den ersten freien Wahlen im März 1990 nur auf desaströse 2,9 Prozent kam, führt Reich auf die überraschende Öffnung der Grenzen zurück: „Kurz zuvor hätten wir laut Umfragen noch mit mehr als 50 Prozent rechnen können.“ Bärbel Bohley glaubt, „es wäre besser gewesen, wenn die Menschen die Mauer selbst umgestoßen hätten – und das wäre nach zwei Monaten passiert“. Wenn sie mehr Zeit gehabt hätten, so Reich im stern-Extra, „dann hätten wir anders dagestanden – es ging alles sehr schnell“.

Bohley regt es noch heute auf, dass die DDR-Oppostionellen damals nicht sofort nach Bonn gefahren sind. In einem Gespräch mit Ex-Kanzler Helmut Kohl habe sie einmal bedauert, dass die Bewegung in diesen Wochen nicht couragierter aufgetreten sei. Kohl soll darauf gesagt haben: „Tja, hätten Sie´s doch mal getan.“

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