Erst (Montags-) Demonstration, dann Revolution

jurgaWenn die oben nicht mehr können, und die unten nicht mehr wollen, dann – na was dann? Dann gibt es eine Revolution. Und bevor es eine Revolution gibt, wird demonstriert. Und zwar montags, immer wieder montags, wie ich gestern der WAZ entnehmen durfte.

So war das damals in der DDR, als das System am Ende war. Das System hat einfach nicht mehr funktioniert. Sozialismus – konnte ja auch nicht funktionieren. Ob das System nun wirklich Sozialismus war (oder nicht), darüber gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls war es realer Sozialismus, wie die da oben von drüben damals sagten. Realer Sozialismus – wirklich gut konnte der nicht sein. Hörte man schon irgendwie raus. Das wussten die da unten von drüben damals freilich auch schon so. Und die da unten von hier wussten es auch.
Sogar die, die wirklich für den Sozialismus waren und / oder sind. Zum Beispiel die von der MLPD. Das muss man denen lassen: die wollten den realen Sozialismus nicht. Die wollen nämlich den wirklichen Sozialismus. Wirklich!

Erst (Montags-) Demonstration, dann Revolution

Dazu braucht es selbstredend eine Revolution und, bevor es soweit ist – Sie wissen Bescheid, richtig: Montagsdemonstrationen. Gegen den wirklichen Kapitalismus, und – bevor der real soweit ist: gegen Hartz-IV.
Das alles war mir und bestimmt auch Ihnen in etwa bekannt; aber auch eben nur in etwa. Denn, wie das halt so ist vor einer Revolution: die Herrschenden des alten Systems versuchen natürlich, die Proteste

– zunächst „nur“ gegen Hartz-IV – totzuschweigen, so lange es nur irgendwie geht.
Im wirklichen Kapitalismus herrscht die Bourgeoisie. Sie hat auf Basis der bürgerlichen Gesellschaft einen bürgerlichen Staat errichtet, so mit allem drum und dran. Bürgerliche (Klassen-) Justiz, bürgerliche Parteien, bürgerliche Politiker und – das ist hier von besonderem Interesse: bürgerliche Medien.

Alles Kapitalistenknechte, die sich sagen: Kapitalismus ist eigentlich eine tolle Sache …
… wenn man Geld hat. Sicher, Geld allein genügt nicht: man braucht auch Aktien, Festverzinsliche, Immobilien, Rohstoffe, Gold, Devisen und all so was. Wenn man nun aber kein Geld hat, kann man sich all diese schönen Sachen nicht kaufen. Und schon reift das Bewusstsein, und man sagt sich: Hartz-IV muss weg, Kapitalismus muss weg, und alles Mögliche.
Und das will die bürgerliche Presse natürlich nicht erzählen. Also erzählt man es sich zunächst einmal selber. Bis es immer mehr werden, sagen wir: so 35 Leute. Dann ist die kritische Masse überschritten. Dann kann auch die bürgerliche Presse nicht mehr anders. Dann muss sie … berichten.

Gestern war es soweit. Großer Erfolg für alle Freunde der Revolution. Das bürgerliche Massenblatt namens WAZ konnte die vorrevolutionäre Stimmung in Bochum nicht mehr ignorieren und war genötigt, einen Bericht zu veröffentlichen.
Immer wieder montags, überschrieb ein Apologet des Systems – notwendigerweise wahrheitsgetreu – seinen Bericht über die Aktionen der marxistisch-leninistischen Kräfte in Bochum. Die bürgerliche Justizordnung will es so, dass ich leider nur einen Auszug weiterreichen darf an die Freunde des wirklichen Sozialismus außerhalb Bochums. Aber was soll´s? Der Klassenfeind höchst selbst musste ja damit beginnen, sein Totengrab selbst zu schaufeln. Lesen Sie selbst:

Man klatscht einander zu

Rund 35 Menschen trudeln ein gegen 18 Uhr, man kennt sich, nickt sich zu, „viele, die man oft sieht”, beschreibt das der Mit-Initiator Christoph Schweitzer. Einige arbeitslos, mehr aber (prekär) beschäftigt, wenn politisch organisiert, dann links bis linksextrem – unübersehbar ist die MLPD. Ein Transparent, ein Tischchen, eine Gitarre, ein Einkaufstrolley („Getränke gegen Spenden”) und ein ums Eck lugender Polizeibulli sind die festen Bestandteile, später wird sich noch eine große rote Fahne hinzugesellen; den Lautsprecher hat man leider vergessen heute. Im Strom der Fußgänger, die nun überwiegend einen Bogen schlagen, bilden die 35 ein ungefähres Viereck. Und, sehr ungewöhnlich für eine Demonstration: Sie sind nach innen gewandt.
Sie reden zueinander, sie predigen sozusagen den Gläubigen: „Raus aus Afghanistan” . . . „Wir brauchen die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich” . . . „In der Finanzkrise hat die Regierung 50 Milliarden in einer Nacht locker gemacht” . . . „Die Großkonzerne sollen die Krankenversicherung zahlen” . . . „Ein System ohne Ausbeutung” . . . „Hartz IV bedroht alle” . . . und nach jedem Beitrag klatscht man einander zu. Später im Gespräch wird Schweitzer sagen, die Motivation komme daher, dass „die meisten Leute, die man anspricht, uns zustimmen: Sauerei, Hartz IV”.

Niemand hält das mehr auf! Diese Woche hatten Sie noch einmal Glück gehabt. Als ich die WAZ gelesen hatte, war es schon zu spät, um rechtzeitig in Bochum zu sein. Aber nächste Woche?
Oder kann man sich auch in Duisburg in einem ungefähren Viereck, nach innen gewandt, aufstellen, kluge Sachen sagen, klatschen und beklatschen lassen? Ich stelle mir das ganz toll vor. Muss man wahrscheinlich einmal selbst erlebt haben.
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One thought on “Erst (Montags-) Demonstration, dann Revolution

  1. joh, genauso, habe ich das erlebt.
    Genutzt hat die Demo mir aber nicht, eher geschadet; denn jetzt bin ich in den Akten der Gestapo verewigt. Und beim AA bekomme ich daher keine Arbeit vermittelt. Statt Vermittlung erhalte ich dort nur Weise Ratschläge und Finanzentzug.