Nur keine Angst vor dem Glasgow-Syndrom!

jurgaHaben Sie eigentlich noch Ihre Urgroßmutter kennen gelernt?
Ich hoffe, die Frage war jetzt nicht zu indiskret. Ich befürchte, die Frage war ein wenig blöd gestellt. Denn, wenn Sie einmal kurz darüber nachdenken: sollte in Ihrer Familie alles mit halbwegs rechten Dingen zugegangen sein, dann haben Sie – oder hatten Sie, egal – nicht etwa nur eine, sondern vier Urgroßmütter.

Okay, Sie haben nicht eine dieser vier Damen kennen lernen dürfen. Das tut mir jetzt aber leid. Übrigens: ich habe meine Uroma – zugegeben: nur eine – nicht nur kennen gelernt, sondern acht Jahre mit ihr unter einem Dach gelebt. Machen wir uns nichts vor: die Welt ist nun einmal nicht gerecht.
Ganze Menschengruppen werden systematisch diskriminiert. Richtig gehend ihrer Lebenschancen beraubt. Arbeiter zum Beispiel. Oder auch: Männer. Ganz schlecht: Soldaten. Eine Gruppe mit einem besonders hohen Risiko, länger tot zu sein als andere, weil nicht wenige ihrer Mitglieder früher stirbt als … zum Beispiel meine Uroma.

Die ist aber auch alt geworden. Steinalt. 85 Jahre – unvorstellbar! Bevor Sie nun einwenden, so besonders sei dies auch nun wieder nicht, bedenken Sie bitte, dass Sibylle – so hieß sie – vom Geburtsjahrgang 1880 ist, äh: war. 1965 war dann, wovon ich mich persönlich überzeugt hatte, Feierabend. Da war ich acht.
Sibylle war bis zum Ende völlig klar im Kopf. Ihre Lebenserwartung

hatte sie um mehr als das Doppelte übertroffen. Die 1880 Geborenen sind nämlich im Schnitt keine 40 Jahre alt geworden. Die Lebenserwartung der Frauen betrug 39,5 Jahre, die der Männer 35,6 Jahre.
Ab dann ging es steil aufwärts; allerdings auch der Abstand zwischen den Geschlechtern. Die Lebenserwartung heute neu geborener Mädchen ist höher als 90, jedes zweite Mädchen wird diesen Berechnungen zufolge gar älter als 100, während der Lebenserwartung der Jungen noch weit von der 80 entfernt ist.
Der Vollständigkeit halber: es gibt auch noch die sog. „fernere“ Lebenserwartung, ein anderes Rechenmodell. Sie gibt an, mit wie vielen Restjahren diejenigen rechnen dürfen, die schon 50 oder 60 oder so auf dem Buckel haben. Ein Beispiel: die heute 50jährigen Herren in Deutschland dürfen noch mit 29 Jahren rechnen, werden also im Schnitt so eben 79, die Damen älter als 83. Es ist ja so ungerecht! Aber es ist Rekord.

Die Lebenserwartung steigt und steigt.

Jedenfalls im Durchschnitt. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was die Statistiken so alles erfassen. Was so alles einen Einfluss auf die Lebenserwartung hat.
Also klar, wiederholt angemerkt: männlich ist eher ungünstig. Sollten Sie ein Betroffener sein: heutzutage lässt sich da etwas dran machen. Ich bin jetzt allerdings überfragt, ob dann in jedem Fall ihre Lebenserwartung steigt. Ich vermute, das kommt im Einzelfall auf den Typ an.
In jedem Fall besser ist: sie ernähren sich gesund. Viel Obst und Gemüse und so was. Fisch statt Fleisch. Am allerbesten: Sushi. Die Japaner sind eindeutig die Weltrekordhalter in Sachen Altwerden. Im gesamten Durchschnitt (also Weiblein und Männlein) bringen sie es auf 85 Jahre; 40000 von ihnen haben aktuell das Jahrhundert geschafft. Leistung und Gegenleistung: Gott lässt Dich hundert Jahre alt werden, dafür musst Du Sushi essen. Hundert lange Jahre lang. Geschmackssache.

Freilich gilt auch das Gegenteil. Klar, eine ungesunde Ernährung … brauchen wir nicht drüber zu reden. Luftverschmutzung ist natürlich auch nicht unbedingt lebensverlängernd. Dagegen: wird die Luft nicht mehr verschmutzt, ist ganz früh Sense.
Wie? Probleme? – Ist doch logisch: die Arbeitslosigkeit, die Sauferei und Qualmerei, der Kummerfraß, die Selbstmorde. Also: da spielt eins ins andere. Experten sprechen seit neuestem vom

Glasgow-Syndrom

Die Sache ist kurz erzählt. Im Gegensatz zum wunderschönen Edinburgh ist Glasgow eine Arbeiterstadt, besser gesagt: war eine. Denn, wie das so geht: in den 80er Jahren brach die dortige Stahlindustrie zusammen. In den 90er Jahren war es nicht gut um die Stadt bestellt; inzwischen ist aber der Niedergang gestoppt, der Strukturwandel zeigt Früchte, es geht wieder aufwärts! Dienstleistungsgesellschaft und der ganze Kram.
Deshalb ist es auch so gemein, dieses böse Wort vom „Glasgow-Syndrom“. Die Peoples von Glasgow sterben nämlich auch nicht früher als andere. Okay, im Durchschnitt ein bisschen. Das liegt aber nur an diesem Calton, einem Stadtteil im Osten der Metropole. Arbeiterstadtteil kann man eigentlich nicht mehr sagen; denn es hat ja keiner Arbeit mehr. Na ja, Sie wissen schon.
Die Männer in Großbritannien werden fast so alt wie die in Deutschland, im Schnitt 77 Jahre. Nur eben die in Glasgow, Verzeihung: im Stadtteil Calton, die schaffen eben nur 53 oder 54 Jahre. Die Hälfte von denen gibt schon vorher den Löffel ab; die andere Hälfte hat noch ein Ideechen mehr. Wie das eben so ist bei einem Durchschnittswert.
Aber die Kerle sind es auch selbst schuld: Rauchen, Saufen, illegale Drogen und, ganz schlimm: Fressen bis zum Abwinken. Irgendeinen Scheiß – britische Variante. Man kann nicht immer alles auf die Gesellschaft schieben.

Okay, dass die Stahlindustrie in Glasgow dicht gemacht hat, ja, das war für Calton nicht gut. Muss man zugeben. Geht uns aber nichts an. Denn in Duisburg steht sie ja noch, die Stahlindustrie. Auch die Lebenserwartung der Duisburger: alles paletti! Die Zahlen sind nicht ganz so aktuell, aber immerhin: die Frauen werden so um die 80, die Männer um die 75 Jahre alt. Kann man nicht meckern. Gut, das sind fünf Jahre weniger als zum Beispiel in München; aber, wie ich schon sagte: die Welt ist nun einmal nicht gerecht.
75 Jahre für einen Duisburger Mann. Geht doch. Zehn Jahre weniger als Sibylle, meine Uroma; aber die ist wirklich verdammt alt geworden. Und immer dran denken: im Durchschnitt. Arithmetisches Mittel: einige Duisburger werden noch viel älter. Andere dann natürlich nicht. Sonst käme ja die ganze Rechnung nicht hin.
Ob da in Duisburg auch irgendwelche Zusammenhänge mit der Wohnlage bestehen, Korrelationen, wie die Fachleute sagen, mit den Stadtteilen? Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen. Mir fehlt dazu jegliches Datenmaterial. Hat überhaupt irgendjemand Zahlen dazu?
Na egal, die Stahlindustrie in Duisburg ist ja noch da.

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