Was bin ich?

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft, so beschied Karl Marx, sei die Geschichte von Klassenkämpfen. Schon recht: das Leben ist Kampf. Aber Klassen? Mag es früher einmal gegeben haben; aber mal ehrlich: wollen Sie zu einer Klasse gehören? Überhaupt, zu welcher denn, bitteschön? Schön wäre das ja nun gerade nicht.
Ich bin wie ich bin, wusste – um ein anderes berühmtes Zitat einzufügen – Vicky Leandros an dieser Stelle beizusteuern. Und fügte – gleichsam als Beleg und / oder Begründung – hinzu: (Ich) „bin nicht so wie die Anderen.“ Mit diesem Verweis auf die eigene Identität, die u.a. darin zum Ausdruck kommt, dass sie in Deutschland mit den Konservativen, in Griechenland jedoch mit den Sozialisten Politik zu machen pflegt, trifft Vicky meine Gemütslage deutlich besser als der alte Marx, der vermutlich so etwas gesagt hätte wie Ich bin, was ich bin.
Gut, da ist natürlich auch etwas dran. Vielleicht ließen sich beide Theoretiker auch ganz gut kombinieren zu einer neuen Theorie. Marxismus-Leandrossimus (ML). Lassen wir das mit den Klassen also einfach einmal weg und sprechen stattdessen von Verteilungskampf. Den gibt es nämlich wirklich! Bevor Sie also beim nächsten Mal wieder leichtfertig urteilen: „Der ist aber nett!“, stellen Sie sich besser selbst die Frage: „Habe ich mit dem schon einmal geerbt?“ oder „Was wäre, würde ich mit dem zusammen erben?“ Und bevor Sie bei der nächsten passenden Gelegenheit einen anderen Menschen mit der Frage belästigen „Wie war ich?“, fragen Sie sich doch bitte zunächst einmal selbst: „Wie bin ich?“, und deshalb vor allem auch
Was bin ich?
Letzten Samstag war Bloggertreffen, genauer: das elfte Duisburger Bloggertreffen. Und ich war auch dabei; denn: ich war eingeladen. Verwirrend genug; denn: der Einladende hatte die interessierte Weltöffentlichkeit bereits wissen lassen, dass ich, Jurga, gar kein Blogger sei. Ein Blog sei nämlich interaktiv, Web 2.0 und so, während meine Homepage – so das Urteil einiger anderer Teilnehmer des Treffens – bestenfalls Web 1.0 sei, eher Web 0.5. Ich hätte halt das Internet nicht verstanden.
Das ist gut möglich, soll hier aber nicht weiter vertieft werden, behandelt es doch eher die Frage: „Was ist meine Homepage?“ als die Frage „Was bin ich?“ Doch dann formulierte einer der hier erwähnten Spötter plötzlich: „Du als Journalist …“
Jetzt wollte ich aber auch einmal etwas sagen. „Moment mal, ich bin kein Journalist.“ Die Gegenfrage ist an und für sich nicht so besonders überraschend, aber bedenken Sie bitte meine Situation! „Ach nee, was bist Du denn?!“
Ich bin zwar auch kein Politiker, doch gewisse Techniken dieser Spezies sind mir durchaus geläufig. Ich verzichtete folglich darauf, die Frage zu beantworten, auf die mir gewiss keine gescheite Antwort eingefallen wäre, und plauderte munter, dafür aber recht langatmig drauf los, was m.E. ein Journalist so alles macht, um diesen aufschlussreichen Wortbeitrag mit der etwas flapsigen Bemerkung zu beenden: „Mache ich ja alles nicht.“
Mein Gegenüber setzte fort mit „na, egal“, und ich spürte: „Noch einmal gut gegangen.“ Vielleicht hätte ich antworten sollen: „Ich bin Sozialwissenschaftler. Schwerpunkt Politik, ich meine: Politische Wissenschaft. Oder heißt es Politische Wissenschaften? Oder doch Politologie? Ich habe das jetzt nicht mehr so genau verfolgt, ob man sich inzwischen einig geworden ist, wie das Fach nun eigentlich heißen soll.“ Das hätte es aber auch nicht gebracht. Denn es stand ja der Journalismus zur Debatte und nicht die Politologie.
Wenn ich auf einem Formular den Beruf ausfüllen soll, schreibe ich immer Sozialwissenschaftler. Das hilft jedoch auch nicht weiter, weil die Unterscheidung zwischen erlerntem Beruf und zur Zeit ausgeübtem Beruf mehr und mehr angebracht ist. Übrigens: mich betrifft dies alles überhaupt nicht. Und ich käme auch niemals auf die Idee, mich zu fragen, was bin ich. Vielleicht würde ich dann – etwas ausweichend – antworten: „Ich bin wie ich bin.“ Und möglicherweise fände sich auch irgendjemand, der solch einen Stuss irgendwie beachtlich fände. Ich hingegen bin fest davon überzeugt, dass es nichts Bescheuerteres gibt, als auf die eigene Identität zu verweisen.
Ein heiteres Beruferaten
Vorgestern ist – sinnigerweise im Internet ein Internet-Manifest erschienen. Es besteht aus 17 Behauptungen, wie Journalismus heute funktioniert. Und in allen „großen“, also traditionellen Zeitungen und Zeitschriften konnten und können Sie Kommentare dazu lesen. Auch der Duisburger Blogger Christian Heiko Spließ, einigen bekannt als Prospero, hat sich dazu geäußert. Bei den Ruhrbaronen hat David Schraven etwas dazu gesagt. Da muss ich dann nicht auch noch etwas dazu sagen, zumal ich weder Blogger bin noch Journalist. Ich habe – trotz einiger Mühen – nicht so richtig herausfinden können, was ein Journalist eigentlich ist. Das kann ja mit den erörterten Problemen zusammenhängen.
Ich bin sicher, vor zehn oder zwanzig oder dreißig Jahren hätte ich ganz genau definieren können, was ein Journalist ist. Dass ich mich heute damit schwer tue, verweist auf die in vielerlei Hinsicht ungeklärte Rolle des .Journalismus im Internet-Zeitalter.
Claudia Mast, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim, hat dazu bereits vor etwa sieben Jahren einen, wie ich finde, beachtlichen Vortrag gehalten.
Ja, es geht auch um die Frage „Was bin ich?“. Ein in der Tat heiteres Beruferaten, wäre nicht auch hier der Verteilungskampf der Motor einer Entwicklung, deren gesellschaftspolitische Bedeutung gar nicht unterschätzt werden kann. Dass diese Debatte jetzt breiter geführt wird, deutet darauf hin, dass der Verteilungskampf (zwischen „Journalisten“ und „Bloggern“) härter wird. Es ist nicht ganz klar, was zukünftig wie zu verteilen ist. Und es griffe zu kurz, wolle man diese neue Unübersichtlichkeit auf einen Klassenkampf zwischen kapitalstarken Verlagshäusern einerseits und der breiten Basisdemokratie im Internet andererseits reduzieren.
Journalisten und / oder Blogger machen sich Gedanken darüber, auf welche Art und Weise sie in Zukunft an ihr Geld kommen werden. Daran ist nichts auszusetzen; da gibt es nichts zu denunzieren.
Doch es geht um mehr. Es entscheidet sich nicht alles im Klassenkampf, aber es entscheidet sich letztlich alles in den und über die Medien. Also im Internet. Wie das alles in, sagen wir: zehn Jahren aussehen wird, ist völlig offen. Es geht um die Journalisten, um ihre Rolle, um ihr Ein- und Auskommen. Vor allem geht es aber um die Konstituierung bzw. Rekonstituierung politischer Macht. Das finde ich dann doch recht interessant.

jurgaDie Geschichte aller bisherigen Gesellschaft, so beschied Karl Marx, sei die Geschichte von Klassenkämpfen. Schon recht: das Leben ist Kampf. Aber Klassen? Mag es früher einmal gegeben haben; aber mal ehrlich: wollen Sie zu einer Klasse gehören? Überhaupt, zu welcher denn, bitteschön? Schön wäre das ja nun gerade nicht.

Ich bin wie ich bin, wusste – um ein anderes berühmtes Zitat einzufügen – Vicky Leandros an dieser Stelle beizusteuern. Und fügte – gleichsam als Beleg und / oder Begründung – hinzu: (Ich) „bin nicht so wie die Anderen.“ Mit diesem Verweis auf die eigene Identität, die u.a. darin zum Ausdruck kommt, dass sie in Deutschland mit den Konservativen, in Griechenland jedoch mit den Sozialisten Politik zu machen pflegt, trifft Vicky meine Gemütslage deutlich besser als der alte Marx, der vermutlich so etwas gesagt hätte wie Ich bin, was ich bin.

Gut, da ist natürlich auch etwas dran. Vielleicht ließen sich beide Theoretiker auch ganz gut kombinieren zu einer neuen Theorie. Marxismus-Leandrossimus (ML). Lassen wir das mit den Klassen also einfach einmal weg und sprechen stattdessen von Verteilungskampf. Den gibt es nämlich wirklich! Bevor Sie also beim nächsten Mal wieder leichtfertig urteilen: „Der ist aber nett!“, stellen Sie sich besser selbst die Frage: „Habe ich mit dem schon einmal geerbt?“ oder „Was wäre, würde ich mit dem zusammen erben?“ Und bevor Sie bei der nächsten passenden Gelegenheit einen anderen Menschen mit der Frage belästigen „Wie war ich?“, fragen Sie sich doch bitte zunächst einmal selbst: „Wie bin ich?“, und deshalb vor allem auch

Was bin ich?

Letzten Samstag war Bloggertreffen, genauer: das elfte Duisburger Bloggertreffen. Und ich war auch dabei; denn: ich war eingeladen. Verwirrend genug; denn: der Einladende hatte die interessierte Weltöffentlichkeit bereits wissen lassen, dass ich, Jurga, gar kein Blogger sei. Ein Blog sei nämlich interaktiv, Web 2.0 und so, während meine Homepage – so das Urteil einiger anderer Teilnehmer des Treffens – bestenfalls Web 1.0 sei, eher Web 0.5. Ich hätte halt das Internet nicht verstanden.

Das ist gut möglich, soll hier aber nicht weiter vertieft werden, behandelt es doch eher die Frage: „Was ist meine Homepage?“ als die Frage „Was bin ich?“ Doch dann formulierte einer der hier erwähnten Spötter plötzlich: „Du als Journalist …“

Jetzt wollte ich aber auch einmal etwas sagen. „Moment mal, ich bin kein Journalist.“ Die Gegenfrage ist an und für sich nicht so besonders überraschend, aber bedenken Sie bitte meine Situation! „Ach nee, was bist Du denn?!“

Ich bin zwar auch kein Politiker, doch gewisse Techniken dieser Spezies sind mir durchaus geläufig. Ich verzichtete folglich darauf, die Frage zu beantworten, auf die mir gewiss keine gescheite Antwort eingefallen wäre, und plauderte munter, dafür aber recht langatmig drauf los, was m.E. ein Journalist so alles macht, um diesen aufschlussreichen Wortbeitrag mit der etwas flapsigen Bemerkung zu beenden: „Mache ich ja alles nicht.“

Mein Gegenüber setzte fort mit „na, egal“, und ich spürte: „Noch einmal gut gegangen.“ Vielleicht hätte ich antworten sollen: „Ich bin Sozialwissenschaftler. Schwerpunkt Politik, ich meine: Politische Wissenschaft. Oder heißt es Politische Wissenschaften? Oder doch Politologie? Ich habe das jetzt nicht mehr so genau verfolgt, ob man sich inzwischen einig geworden ist, wie das Fach nun eigentlich heißen soll.“ Das hätte es aber auch nicht gebracht. Denn es stand ja der Journalismus zur Debatte und nicht die Politologie.

Wenn ich auf einem Formular den Beruf ausfüllen soll, schreibe ich immer Sozialwissenschaftler. Das hilft jedoch auch nicht weiter, weil die Unterscheidung zwischen erlerntem Beruf und zur Zeit ausgeübtem Beruf mehr und mehr angebracht ist. Übrigens: mich betrifft dies alles überhaupt nicht. Und ich käme auch niemals auf die Idee, mich zu fragen, was bin ich. Vielleicht würde ich dann – etwas ausweichend – antworten: „Ich bin wie ich bin.“ Und möglicherweise fände sich auch irgendjemand, der solch einen Stuss irgendwie beachtlich fände. Ich hingegen bin fest davon überzeugt, dass es nichts Bescheuerteres gibt, als auf die eigene Identität zu verweisen.

Ein heiteres Beruferaten

Vorgestern ist – sinnigerweise im Internet ein Internet-Manifest erschienen. Es besteht aus 17 Behauptungen, wie Journalismus heute funktioniert. Und in allen „großen“, also traditionellen Zeitungen und Zeitschriften konnten und können Sie Kommentare dazu lesen. Auch der Duisburger Blogger Christian Heiko Spließ, einigen bekannt als Prospero, hat sich dazu geäußert. Bei den Ruhrbaronen hat David Schraven etwas dazu gesagt. Da muss ich dann nicht auch noch etwas dazu sagen, zumal ich weder Blogger bin noch Journalist. Ich habe – trotz einiger Mühen – nicht so richtig herausfinden können, was ein Journalist eigentlich ist. Das kann ja mit den erörterten Problemen zusammenhängen.

Ich bin sicher, vor zehn oder zwanzig oder dreißig Jahren hätte ich ganz genau definieren können, was ein Journalist ist. Dass ich mich heute damit schwer tue, verweist auf die in vielerlei Hinsicht ungeklärte Rolle des .Journalismus im Internet-Zeitalter.

Claudia Mast, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim, hat dazu bereits vor etwa sieben Jahren einen, wie ich finde, beachtlichen Vortrag gehalten.

Ja, es geht auch um die Frage „Was bin ich?“. Ein in der Tat heiteres Beruferaten, wäre nicht auch hier der Verteilungskampf der Motor einer Entwicklung, deren gesellschaftspolitische Bedeutung gar nicht unterschätzt werden kann. Dass diese Debatte jetzt breiter geführt wird, deutet darauf hin, dass der Verteilungskampf (zwischen „Journalisten“ und „Bloggern“) härter wird. Es ist nicht ganz klar, was zukünftig wie zu verteilen ist. Und es griffe zu kurz, wolle man diese neue Unübersichtlichkeit auf einen Klassenkampf zwischen kapitalstarken Verlagshäusern einerseits und der breiten Basisdemokratie im Internet andererseits reduzieren.

Journalisten und / oder Blogger machen sich Gedanken darüber, auf welche Art und Weise sie in Zukunft an ihr Geld kommen werden. Daran ist nichts auszusetzen; da gibt es nichts zu denunzieren.

Doch es geht um mehr. Es entscheidet sich nicht alles im Klassenkampf, aber es entscheidet sich letztlich alles in den und über die Medien. Also im Internet. Wie das alles in, sagen wir: zehn Jahren aussehen wird, ist völlig offen. Es geht um die Journalisten, um ihre Rolle, um ihr Ein- und Auskommen. Vor allem geht es aber um die Konstituierung bzw. Rekonstituierung politischer Macht. Das finde ich dann doch recht interessant.

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