Meinung: Die 17 Thesen der Reformatoren

Die 95 Thesen Martin LuthersEs scheint als müsse alles, was Thomas Knüwer anpackt unbedingt hochdramatisch sein. Er, der vielfach seinen Journalisten-Kollegen im Weblog Indiskretion Ehrensache den Spiegel vorhielt wenn es um das Thema Internet ging, spielt momentan die Rolle des Martin Luther. Doch während Luther in seinem „Reformations-Manifest“ es auf 95 Thesen brachte, reichen Knüwer für sein Internet-Manifest ganze 17. Knüwer als Reformator des Journalismus, der gegen die alteingebrachte Institution der Journalistengewerkschaft DJV Sturm läuft, die das Internet nicht verstanden habe.

Daran mag sicherlich einiges wahr sein. Mit dem Aufkommen von Blogs und Podcasts, mit der Möglichkeit dass Bürger auch journalistische Funktionen wahrnehmen können ist eine Situation entstanden, die den Journalismus an sich vollkommen umgekrempelt hat. Die Vermittler-Funktion, die früher die Medien genossen haben, ist dahin. Das Internet als die wahre Demokratie, in der jeder ungefiltert Dinge hineinstellen kann – auf diese Möglichkeit haben – und sicherlich hat Knüwer hier Recht – Journalisten zu spät reagiert. Allerdings bleibt auch festzustellen, dass das Internet-Manifest diese Situation nicht ändern wird.

„Die Fragen der Zeit werden nicht so richtig gelöst, aber vielleicht soll das Manifest ja auch nicht so sehr für die schnöde Jetztzeit, sondern für die Ewigkeit gelten. Bis dahin weiß schon keiner mehr, was Google war und ein Leistungsschutzrecht (hoffentlich),“ spottet der DJV. Der allerdings auf die Fragen nach der Jetztzeit auch nur ein Potpourri zu bieten hat, das keiner, der sich ernsthaft mit dem Thema Internet und Journalismus beschäftigt goutieren können mag. „Damit kostspielig erstellte Inhalte nicht beliebig kostenlos kommerziell verwertet werden können“ müsse ein Leistungsschutzrecht her. Da sind sich Steinmeier und der DJV ganz grün. (PDF-Link) Der Qualitätsjournalismus müsse geschützt werden. Dabei scheint der DJV zu vergessen, dass er damit diejenigen unterstützt gegen die er als Gewerkschaft angehen sollte: Die Verlage nämlich.

Wenn der DJV sich in der trügerischen Sicherheit wiegt, dass mit dem Leistungsschutzrecht und dem Einschränken der Google Booksearch – zwei Themen, die man sorgfältigst getrennt voneinander betrachten sollte, die aber leider immer wieder miteinander verbunden werden – Journalisten besser gestellt sind … dann darf man mit Recht zweifeln ob der DJV seiner Rolle als Gewerkschaft noch gerecht werden wird. Dass Journalisten ihre Rechte an den Verlag in Gänze abtreten ist keine Seltenheit. Dass das Zeilenhonorar für einen Artikel auch nicht gerade wundersam hoch ist – daran ist nicht das Internet schuld. Sondern eine Gewerkschaft die nicht verstanden hat die Interessen ihrer Mitglieder ins neue Jahrtausend zu bringen. Dagegen begehrte Knüwer auf.

Wenn der DJV dem Internet-Manifest vorwirft, dass es zu wenig praktische Handlungsanweisungen biete so verkennt der DJV die Rolle eines Manifests. Manifeste geben die hehren Ziele und die hohen Ideale an, die von den Menschen erreicht werden wollen. Ob es nun die 95 Thesen Luthers sind, das Kommunistische Manifest oder die Agenda 2010 – Manifeste geben generell nur allgemein die Richtung vor. Luther hat in seinen Schriften erst später genau definiert wie er sich die neue Kirche vorstellt. Marx und Lenin haben dies ebenfalls nachgereicht und die zahlreichen Arbeitsgruppen in der SPD beschäftigten sich mit der praktischen Anwendung der Agenda 2010 auf die Gesellschaft.

Sicherlich bietet das Internet-Manifest noch reichlich Gelegenheiten zu Diskussionen. Und steht damit tatsächlich in der Tradition von Luther, der die Kirche reformieren nicht spalten wollte. Ob das Ganze wirklich Substanz haben wird – das wird erst die neu zu gründende Gewerkschaft Knüwers erweisen. Und in einem sind sich DJV und Internet-Manifest vermutlich einig: Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

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