Essay: Watchmen – Moral, Unmoral und Gott

Es ist 1985, Elektroautos befahren die Straßen, Richard Nixon ist Präsident der Vereinigten Staaten und der Comedian ist tot. – Stellen wir erstmal die Frage zurück, warum im Jahre 1985 Elektroautos unterwegs sind und warum Richard Nixon immer noch Präsident sein kann, wenn es da doch diese Geschichte mit Watergate gab – die wichtigere Frage, die erstmal den Leser des Comics „Watchmen“ bewegt ist die Frage, wer den Comedian ermordet hat. Bekannt auch als Edward Blake, der für die Regierung arbeitete und einer der zynischsten und amoralischsten Superhelden ist, die man wohl je auf dem Papier sah – bevor man die Neubelebung des „Punishers“ von Garth Ennis zu Gesicht bekommen hat jedenfalls. Der Smiley, der von seinem Morgenmantel auf die Straße gefallen und mit einem Spritzer Blut vor den Füßen von Rohrschach, einem weiteren „Helden“ landet ist das Leitmotiv, dass sich durch Moores Betrachtung über das Genre des Superhelden hindurch zieht. Rohrschach, ein Überbleibsel der alten Zeit und einer derjenigen, die bis zuletzt sich selbst treu bleiben besucht, um den Mord an Edward Blake aufzuklären, nun die alten Kameraden. Diese alten Superhelden sind längst im Ruhestand – gezwungen von einem Regierungserlass aus dem Jahr 1977. Nur noch Doctor Manhattan – der als einziger übermenschliche Kräfte verfügt – arbeitet nach dem Tod des Comedian noch

offiziell für die Regierung. Adrian Veidt, der seine Karriere als Ozymandias zwei Jahre vor dem sogenannten Keene-Erlaß niederlegte, ist jetzt ein reicher Industrieller, die anderen ehemaligen Superhelden aus den Dreißiger und Vierziger Jahren sind im Ruhestand. So auch Hollis Mason, die erste Nite Owl, und sein Nachfolger, Dan Dreiberg. Durch das Erscheinen von Doctor Manhattan, John Osterman – der amerikanische „Übermensch“, entstanden durch eine Überdosis Strahlung – hat sich die Welt verändert: Die USA haben Vietnam gewonnen. Elektroautos säumen die Straßen. Richard Nixon ist immer noch Präsident, da offenbar der Comedian den Watergate-Skandal verhindert hat. Doch diese Welt ist jetzt bedroht: Nachdem der Comedian ermordet wurde, wird Doctor Manhattan ins Exil vertrieben. Daraufhin marschieren die Russen in Afghanistan ein. Mehr und mehr verdichtet sich der Verdacht eines Komplotts, ja, jemand scheint die Welt in einen Dritten Weltkrieg treiben zu wollen – doch wer hat es darauf angelegt? Diese Frage wird die Leser der Graphic Novel bis zum Ende beschäftigen und die bittere Pointe, an deren Ende jede Menge Blut und Leichen stehen werden, läuft im Endeffekt auf die Frage aus, die im ganzen Comic zu sehen ist, die aber nie gänzlich zu Ende gestellt werden wird: „Wer überwacht die Wächter?“


Doch anders als in „V for Vendetta“ ist in „Watchmen“ kein diktatorisches Regime zu sehen, dass die Menschen überwacht und das sich für diese Frage vielleicht eher hergibt. Jedenfalls nicht so offensichtlich, aber in Nixons Amerika des Jahres 1985 gibt es neben dem „Nova Express“ auch den „Neuen Grenzwächter“ – grob gesagt also linke und äußerst rechte Schriftwerke. In V’s England wäre dies noch nicht einmal möglich. Warum also zieht sich genauso wie der Smiley des Comedian diese Phrase durch die Graphic Novel, warum legt Moore sie als Graffiti an die Wände – und lässt sie immer abgeschnitten erscheinen?

In den einzelnen Kapiteln der Graphic Novel treibt Moore die Krimi- und Thrillerhandlung zwar voran, tut dies aber in einer Weise, die rasch merken lässt, dass Moore gar nicht so sehr an dem Thema der Superhelden an sich interessiert ist. Das Zeitalter der glorreichen Helden ist in diesem 1985 eh schon lange vorbei und selbst das, was in der Handlung vor vierzig Jahren geschah ist alles andere als glorreich gewesen – je nachdem, aus welcher Sicht dieser Knotenpunkt der Handlung, die Vergewaltigung von Sally Spectre und das geplatzte Gründungstreffen der „Crimebusters“ man sehen will. Denn abgesehen von Ozymandias, Adrian Veidt, ist keiner der alten Helden wirklich glücklich geworden – oder wie Rorschach das beim Begräbnis des Comedians zusammenfasst: Von den ehemaligen Superhelden ist keiner im Bett gestorben und wird dies auch kaum. Das Kollektiv der strahlenden Superhelden, die in ihrer Jugendzeit mit „Opernkostümen“ durch Amerika liefen um die Welt von allem Unrat zu reinigen – dieses Ideal, das macht Moore rasch klar, hat es wenn nur eine kurze Zeit gegeben. Und der Tod des Comedian, der die Handlung in Gang setzt, ist nur der Auftakt zu der Reise in das Ich dieser sogenannten Helden, dieser abgewrackten und alten, müden Haudegen. Abgesehen von Veidt, natürlich – der schon vor dem Keene-Erlass seine Identität aufgab und aus seinem „Weichwerden“, wie Rohrschach das nennt, Kapital geschlagen hat. So gesehen ist auch er in gewisser Weise korrumpiert.

Doch beantwortet das immer noch nicht die eigentlich Frage, wir kommen ihr im Laufe der Handlung allerdings immer näher und näher: Wer bewacht die Wächter? Wer entscheidet über Moral und Unmoral? Denn um Moral und Unmoral, um die Rechtfertigung der Rettung der Welt – schließlich sind wir immer noch in einem Comic-Universum und da geht es natürlich immer um die Rettung der Welt, oder? – geht es Moore eigentlich. Das wird rasch klar wenn man sich eine dieser gespiegelten Ebenen des Comics anschaut, in denen ein Schiffbrüchiger, der durch den berüchtigten „Schwarzen Kreuzer“ strandete verzweifelt versucht mit allen Mitteln nach Hause zu kommen und sich dabei nach und nach, ohne dass er oder der vorgebliche Leser es zuerst merkt von der Wirklichkeit so entfernt, dass er am Ende als Monster zurück zum verfluchten „Schwarzen Kreuzer“ kehrt. „War er [Gott] einst dagewesen und längst fortgegangen?“, fragt sich der Schiffbrüchige im Laufe dieser Handlung. „Das macht keinen Sinn,“ beschwert sich der jugendliche Leser in Allan Moores „Watchmen“ später und spiegelt damit die Erkenntnis, die Doctor Manhattan im vierten Kapitel ausspricht: „Vielleicht wird die Welt nicht gemacht, vielleicht wird nichts gemacht. (…) Eine Uhr ohne einen Uhrmacher.“ Wer überwacht also die Wächter? Gott? Nein, Gott spielt in diesem Universum keine Rolle – das stellt Moore mehrmals klar. So un- und übermenschlich Doctor Manhatten auch erscheint, er selbst sagt von sich, dass er nicht Gott ist und im Kapitel Vier, in dem wir seine Entstehungsgeschichte auf eine brilliante Art und Weise geschildert sehen – selten sah man in Comics das Problem verschiedene Zeitebenen abzubilden so geschickt gelöst – wird Gott als Wächter der Wächter kategorisch ausgeschlossen. Die Ironie des Ganzen ist: Selbst für Doctor Manhattan, für den die Zukunft so klar erscheint, wird es am Ende der Geschichte Unwägbarkeiten geben – der „amerikanische Übermensch“, der da erschienen ist, hat sich während seiner Entwicklung tatsächlich von allem Menschlichem gelöst. Das bewahrt ihn aber nicht am Ende genauso umoralisch zu werden wie alle, die das gewaltige Komplott schließlich schweigend vor der Menschheit verbergen müssen – zum größeren Wohl des Ganzen.

Wenn Gott also keine Rolle spielt – wenn es also keinen übergeordneten Sinn gibt, wenn die Motive der Superhelden nur in ihren eigenen Werdegängen und ihren eigenen Egos liegen – wer entscheidet über Moral und Unmoral? Kann eine solche komplizierte Frage überhaupt beantwortet werden? Zieht sich Moore am Ende der Graphic Novel, mit dieser äußerst bitteren Pointe, mit all den Ebenen einfach so aus der Affäre und lässt die Frage offen? Nein – die Pointe des grausamen Witzes, die der Comedian nicht erkennt liegt darin, dass am Ende der Graphic Novel kein Gott aus der Maschine erscheint um die Welt zu retten – sondern erneut ein selbsternannter Retter auftritt, der diesmal aus den eigenen Reihen der Superhelden kommt. Eine Wendung, die kein Leser vorher hat kommen sehen und die desto verstörender erscheint: Der, der die Welt retten will, ist zwar einer von den Guten. Aber die Mittel, derer er sich bedient könnten von den größten Schurken seiner Laufbahn kommen. Das ist der Witz, den der Comedian nicht versteht kann, obwohl der Comedian dies eigentlich am ehesten verstehen können sollte. Um das Gute zu bewirken muss man Böses tun. Um moralisch zu sein, so stellt jedenfalls Moore fest – Berthold Brecht hatte dies ja schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ angedeutet – muss man sich korrumpieren lassen. Das ist bitter, durchaus, wird aber in der Piratenhandlung schon vorweggenommen, wenn der Schiffbrüchige am Schluss seine Frau umbringt, um sie angeblich vor den Piraten zu retten – ohne zu wissen, dass der „Schwarze Kreuzer“ gar nicht seine Heimatstadt eingenommen hat sondern nur auf ihn als verlorene Seele wartete. Doch diese bittere Pointe wird noch verstärkt. Dadurch, dass die Superhelden, die das Komplott aufdecken, am Ende zum Schweigen verdammt sind um die jetzt geeinte Welt nicht in Gefahr zu bringen. Im Endeffekt stellt Moore hier den Schluss der guten alten Comicwelt auf den Kopf und die Assoziation des „B-Film-Schurken“, der vor versammelter Mannschaft seinen Meisterplan erklärt um dann letztendlich doch gefasst zu werden ist gar nicht mal so verkehrt. Nur: In diesem Falle hat der Schurke aus den eigenen Reihen gewonnen. Sein Plan ist längst umgesetzt. Doch so ganz hoffnungslos ist die Lage nicht – denn am Ende des Comics, wenn Rohrschach von Doctor Manhattan umgebracht wird weil er als einziger dem kollektivem Schweigen nicht zustimmen will – wenn am Ende also der Redaktionsassistent des „Neuen Grenzwächters“ ausgerechnet nach dem Tagebuch Rohrschachs greift um Füllmaterial zu haben – dann blinkt ganz kurz die Hoffnung auf, dass das Gute doch noch siegt. Doch sicher ist das nicht. Wobei Moore am Ende die Frage, wer die Wächter überwacht dann doch noch beantwortet: Die Presse. Erst sie könnte am Ende die Frage: „Wer überwacht die Wächter?“ in Gänze stellen. Aber sicher, nein, sicher ist das keinesweges – denn schließlich könnte der Assistent am Ende ja auch danebengreifen. Wenn das nicht göttliche Ironie ist..

Abdruck des Originaltextes aus dem NGC6544-Blog

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