Poe – das Musical: Imagination und Wirklichkeit

Er ist eine Person, die immer wieder Dichter und Schriftsteller inspiriert hat. Von Howard Phillips Lovecraft bis hin zu Markus K. Korb, von Filmen mit Vincent Price bis zur Musik: Edgar Allan Poes Werk ist eines, dass den Leser nicht mehr los lässt. Das Werk des Poeten hat aber wohl vor allem einen in seinen Bann geschlagen: Eric Woolfson.

1976 erscheint mit „Tales of Mystery and Imagination“ die erste CD des – eigentlich nur für kurze Zeit gedachten – Alan Parsons Project. Eric Woolfson hatte eigentlich zwei Kapitel aus dem Leben von Edgar Allan Poe geplant, doch erst etliche Jahre später, 2003, kam dann die CD „More Tales of Mystery and Imagination“ und schließlich „Poe“. Aus diesen Grundlagen entwickelte Woolfson ein Musical, das heute Weltpremiere bei den Bühnen Halle hatte. Genauer: In der Oper Halle, ein sicherlich nicht normaler Ort für Musical-Aufführungen.

Allerdings: „Poe – das Musical“ ist alles andere als das, was man von Andrew LLoyd-Webber gewohnt ist. Wie schon in „Gaudi“  und „Gambler“ verknüpft Woolfson die Lebensgeschichte Edgar Allan Poes, erzählt nach seinem Tod von seinem größten Rivalen, mit Auszügen aus einen Werken. Ob „Der Rabe“, „Die Grube und das Pendel“, „Annabel Lee“ – all diesen Werken erweist Woolfson seine Referenz, in denen er Zitate in die Handlung und die Dialoge einfließen lässt. Die Musik Woolfsons findet dabei eine Balance zwischen Rock, Pop und Balladen. Vor allem passt sie sich perfekt der Handlung an und transportiert den Zwiespalt des Protagonisten. Einerseits möchte er glücklich sein, aber er ist nicht imstande diesen Zustand länger zu ertragen. Leider neigt Woolfson ab und an zu zu längeren Songeskapaden – man hätte bedenkenlos den ein oder anderen Song kürzen können.

Ebenso ist fraglich, wie man den Auftritt der Tänzer in der Szene zu werten hat, die aus „Die Grube und das Pendel“ entnommen wurde. Sicherlich könnte man sie als Poes innere Dämonen werten, aber so ganz nachvollziehbar ist da die Inszenierung nicht. Ebenfalls etwas platt: Die Verstorbenen an die Poe sich zu Beginn des Musicals erinnert treten ganz in Weiß in einer sehr künstliche wirkenden überzuckerten Bühnendeko auf. Noch einige andere Kleinigkeiten wären zu nennen, im Großen und Ganzen aber wirkt die Inszenierung von Frank Alva Buecheler durch ihre stimmigen und imposanten Bilder.

Grandios: Die Darsteller. Björn C. Kuhn gelingt es die Zerrissenheit Poes auf die Bühne zu bringen und ohne Mühe steigt seine Stimme in die höchsten Höhen wenn es notwendig ist. Sein Gegenspieler Gerd Vogel als Rufus Griswold ist ein dämonischer Bass wie er im Buche steht und eindrucksvoller Bösewicht. Evita Komp spielte eine zerbrechliche und dabei doch eigenwillige Virginia, die genau weiß, dass Poe nicht der beste Ehemann der Welt ist – aber die ihm dennoch aus Liebe bis zum Tod treubleibt.

Christoph Weyers Bühnenbild scheint von Christoph Loy inspiriert zu sein – denn bis auf ein, zwei Szenen bleibt die Bühne weitgehend leer von Requisiten und bietet Raum für die Sänger. Dass natürlich das Pendel eine Rolle im Bühnenbild spielt ebenso wie der Rabe – als Symbol für den Tod – ist selbstverständlich. Die Kostüme sind durchaus zeitgenössisch, erlauben sich aber ab und an moderne Freiheiten. Und Volker M. Plangg dirigiert energisch bei den Rockstücken und mit Gefühl für die langsamen Balladen ein hervorragendes Orchester.

Per Livestream konnte man die Premiere für 9,- Euro verfolgen – in HD-Qualität übrigens. Dazu wurde live während der Vorstellung getwittert, womit die Bühnen Halle ihren eigentlichen Einstand in das gaben, was man als Web2.0 bezeichnet. Die Reaktionen während der Premiere haben sie herzlich willkommen geheißen. Ob man „Poe“ als Woolfsons Meisterwerk bezeichnen kann, das ist die Frage. Allerdings hat Woolfson mit „Poe“ erneut ein ungewöhnliches Musical auf die Bühne gebracht für das sich definitiv die Reise nach Halle lohnt.

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