IAQ-Forscher fordern Familienbegleitprogramme – Bildungsdefizite ausgleichen

Dr. Sybille Stöbe-Blossey

Dr. Sybille Stöbe-Blossey

Duisburg – Die Kommunen müssen sich in Problemstadtteilen verstärkt um ihre Jugend kümmern. „Es besteht die Gefahr, dass ganze Stadtquartiere von einer existenzsichernden Erwerbsfähigkeit abgekoppelt werden, wenn nicht bereits im Erziehungs- und Bildungssystem frühzeitig gegengesteuert wird!“, warnen Bildungsforscher des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Sie plädieren für ein flächendeckendes, regionales Bildungsmonitoring, um Defizite in Problemregionen feststellen und gegensteuern zu können.
Demnach gibt es Stadtteile, in denen im Jahr 2006 32 bis 40 Prozent der Kinder bei der Einschulungsuntersuchung keine ausreichende Sprachkompetenz aufwiesen, zum Teil hatte mehr als jedes vierte Kind Übergewicht, in einzelnen Städten schaffte über 10 Prozent der Schüler nicht einmal den Hauptschulabschluss. „Sage mir, aus welchem Stadtteil du kommst, und ich sage dir, was aus dir wird!“, so der IAQ-Bildungsforscher Dirk Langer. Denn zwischen Bildung und Einkommen besteht eine enge Wechselbeziehung; Abwärtsspiralen in der Bildung beginnen vor dem 10. Lebensjahr. Die Analyse von Daten zeigt vor allem, dass auch in der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung erhebliche regionale Differenzen bestehen. In schwierigen Stadtteilen mit sozial benachteiligten Familien, hohem Migrantenanteil, Arbeitslosigkeit und Armut müssten besonders früh ausgleichende Bildungs- und Gesundheitsangebote in der Zusammenarbeit mit den Familien umgesetzt werden, fordert der IAQ-Forscher.
„Die Förderung sollte am besten mit Familienbegleitprogrammen direkt nach der Geburt beginnen. Sie könnten in Netzwerken aus Jugendhilfe und Gesundheitssystem verwirklicht werden“, meint die IAQ-Forschungsdirektorin Dr. Sybille Stöbe-Blossey. „Auch die Familienzentren bieten Anknüpfungspunkte für erweiterte, stadtteilbezogene Förderprogramme.“ Langer rät außerdem, die Möglichkeiten der Offenen Ganztagsschule besser zu nutzen; Defizite zum Beispiel in der Sprachkompetenz oder aus dem Schulunterricht könnten so aufgearbeitet werden. Für die Nachmittagsbetreuung in Stadtteilen mit hohem Förderbedarf sollte deshalb möglichst auch pädagogisch geschultes Personal eingesetzt werden, was sich allerdings eher die finanzkräftigeren Kommunen leisten könnten.
Die ungünstigen Lernvoraussetzungen schlagen sich in der Schulabschlussentwicklung nieder: Etwa 50 Prozent der ausländischen Schüler in NRW erzielen maximal den Hauptschulabschluss – ein schwieriger Berufseinstieg ist vorgezeichnet, zumal Stellen fehlen: Zwischen 2000 und 2007 stiegen die Ausbildungskapazitäten z.B. in Emscher-Lippe um 4,2 Prozent, demographisch bedingt nahm die Anzahl der Schulabsolventen aber um 15,3 Prozent zu. Ein zunehmender Verdrängungswettbewerb macht die Situation für Hauptschüler und Jugendliche ausländischer Herkunft in der dualen Berufsausbildung immer schwieriger. Viele Schulabgänger müssen auf das Übergangssystem oder das Schulberufssystem ausweichen, um berufsorientierende Bildungsgänge zu besuchen oder ihren Schulabschluss zu verbessern. Die Berufskollegs leisten hier einen erheblichen Anteil an weiterqualifizierender Arbeit.
Allerdings vermittelt das in der Vergangenheit erheblich angewachsene Übergangssystem von der allgemeinbildenden Schule in die berufliche Bildung bislang in der Regel keinen qualifizierten Berufsabschluss. „Eine erfolgreiche Teilnahme am Erwerbsleben im Hinblick auf Einkommen und Beschäftigungsstabilität ist ohne Berufsabschluss gefährdet“, so Langer.

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