Flüchtlingshilfe: Duisburger Friseure mit Herz

Es gibt Hilfe für Flüchtlinge auf verschiedenen Ebenen. Viele wollen helfen, wissen aber meist nicht, wie, wo und womit sie anfangen könnten. Oftmals scheitert dann jeder Versuch an einer eigenen Idee. Doch jeder kann auf seine eigene Art und Weise helfen. Ob man seinen Kleiderschrank ausmistet, oder die ein oder andere warme Decke spendet. Hilfe kommt überall an. Sachspenden werden an jeder Stelle gerne angenommen.  Doch kann all das schon alles sein? Yasmine Buzkan verspürte auch immer den innerlichen Drang helfen zu wollen. Sie hat sich lange genug Gedanken gemacht und kam auf die Idee, eine ganz besondere „Dienstleistung“ zu spenden. Die gelernte Friseurin mit eigenen Migrationshintergrund schneidet jeden Montag Flüchtlingen ehrenamtlich die Haare. Jeden Montagmorgen um 10 Uhr sammeln sich die Massen vor der Türe ihres provisorisch eingerichteten Salons in der ehemaligen Handchirurgie des Bertha-Krankenhauses in Neumühl. Anfangs schaffte sie es alleine. Doch mittlerweile erfreut sie sich an einer großen Beliebtheit. Woche zu Woche drängen sich die Menschen in den kleinen Raum und warten darauf an der Reihe zu sein. Mittlerweile hat Yasmine selbst Hilfe von Flüchtlingen, die ihr mit zur Hand gehen. Ein Aufruf an Duisburger Friseure im sozialen Netzwerk fruchtete kaum. Dennoch verliert die sympathische Deutsch-Türkin nicht den Glauben an diesem Projekt. In einem Interview zeigt sie uns ihre Beweggründe, Erfahrungen und Ziele auf.

 

Was hat dich dazu bewegt ehrenamtlich tätig zu werden?

 

Zum einen meine Herkunft. Mein Vater ist Türke, meine Mutter Deutsche. Als Kind habe ich bereits in einer Mischlingsfamilie allerhand Erfahrungen sammeln können. Mein Vater hat uns seine Kultur sehr weltoffen herübergebracht. Wir hatten auch viel Kontakt zu armen Menschen und irgendwie dachte ich, dass ich ja auch helfen könnte. Als ich dann in Walsum die Zeltstadt gesehen hatte, als erstes ohne Flüchtlinge, dachte ich: „Oh, mein Gott, ein KZ kanntest du bisher nur aus dem Fernsehen.“ – In mir ging irgendetwas hoch. Ich selbst habe nicht viele

Improvisierter Friseursalon - Foto privat

Improvisierter Friseursalon – Foto privat

Möglichkeiten helfen zu können, außer meine Arbeitskraft anbieten zu können. Irgendwann habe ich dann angefangen montags dort hinzugehen. Der erste Montag war sehr überwältigend. Die Menschen hatten nichts, waren trotzdem für alles sehr dankbar. Dann ging es immer weiter. Ich selbst habe auch viel verloren. Ich hatte 14 Jahre lang ein eigenes Geschäft. 14 Jahre lang lief alles gut und dann nahm man mir alles. Ich hatte mir nie etwas zu Schulden kommen lassen, sollte dann aber allerhand nachzahlen und konnte es nicht. So ging ich insolvent und obwohl bei mir keine Schwarzgelder flossen, wurde es mir dennoch unterstellt. Anfangs war ich stinkend sauer, aber als ich die ersten Flüchtlinge sah, sagte ich mir: „Yasemine, dir geht es an und für sich richtig gut. Ich boxe mich mit einem 450-Euro-Job durch, das schaffe ich auch ganz gut, aber mir geht es immer noch besser als anderen. Du kannst helfen, du hast wieder Arbeit, du wirst gebraucht, du kannst was tun also organisiere etwas dafür. Dies waren meine Beweggründe, und diese werden jetzt immer größer.

 

Hattest du vorher schon mal ein ehrenamtliches Engagement?

 

Vorher war ich nur emotional, mit einem großen Herzen. Ich hatte vorher eine Menge Auszubildende mit Migrationshintergrund, welche ihre Prüfungen alle sehr gut bestanden hatten. Sie waren mir für alles immer sehr dankbar. Ich habe in der Ausbildung immer mitgeholfen. Aber ein solches Ehrenamt habe ich noch nie gehabt. Das kam jetzt auch eher durch Zufall, da es quasi um die Ecke war.

 

Wie ist deine Entscheidung zum Ehrenamt in deiner Familie und bei deinen Freunden aufgenommen worden?

 

In der Familie sehr gut. Ich solle nur immer auf mich aufpassen, also nicht in dem Sinne, dass mir jemand etwas antun könnte. Ich solle nur nicht zu viel emotional davon mitnehmen, mich nicht zu sehr hineinsteigern. Der Freundeskreis hat es sehr geteilt aufgenommen. Einige sagten: “Mir hat auch keiner geholfen.“ – „Du bist ja verrückt! Guck dich an.“ – Wobei ich dann immer darauf antworte: “Uns wird immer geholfen.“ – In Deutschland muss keiner hungern. Auch der Obdachlose wird nicht hängen gelassen. Es wird zwar immer gerne behauptet, aber die Wahrheit sieht ganz anders aus. Wer nicht auf der Straße leben möchte, der muss es auch nicht. Ich bekomme nicht die Welt vom Amt, mein Meister wird nicht bezahlt, aber ich muss nicht hungern. Und wenn ich die Flüchtlinge sehe, verstehe ich alles.

 

Welche Erfahrungen konntest du bisher mit den Flüchtlingen sammeln?

 

Eigentlich nur positive. Zwischendurch sind ein paar dabei, bei denen ich denke: “Typisch. Er ist schon fast wie ein Deutscher.“ – Habgierig, schrappig und gemein. Dann denke ich wieder: “Nee, wir leben ihnen das ja nur vor!“ – Sie kriegen ja vieles umsonst. Sie kommen an und bekommen. Wenn sie in meinen provisorisch eingerichteten Friseursalon kommen und sehen zum Beispiel meinen Fön, denken sie nicht darüber nach, dass ich diesen brauche. Man fragt: “Darf ich den haben?“ – Solange sie fragen, dürfen sie diesen auch benutzen, aber nicht mitnehmen. Dann bekommen sie als Antwort von mir: “Nein, das ist meiner.“ – Dann ist es auch in Ordnung. Sie sind dankbar, wenn man ihnen dann alles in Ruhe erklärt. Aber wie erkläre ich es ihnen? In Türkisch, Deutsch oder Englisch? Alles im Mix. Wenn man mich dann immer noch nicht versteht, dann mit Hände und Füße oder mit Zetteln. Aber ich gebe nicht auf, bis man mich verstanden hat. Aber es gibt immer einen unter ihnen, der übersetzen kann. Es gibt viele unter ihnen die Türkisch können, meistens die, die aus dem Iran oder Irak, dort, wo Kurden leben. Sie können gut vermitteln. Sobald ich sage: “Ich werde hier nicht bezahlt, ich mache das alles nur um euch zu helfen“, sind alle ganz freundlich. Die Männer fegen ihre Haare selbst weg oder spülen ihre Kaffeetassen. Wir haben eine kleine Ecke eingerichtet, in der man sich mit Kaffee, Tee, Wasser oder Saft bedienen kann. Wenn ich den Flüchtlingen alleine die Haare schneiden muss, dann müssen sie sich selbst bedienen. Sie sind alle nett. Ich weiß auch nicht, ob ich unter ihnen irgendwann mal einem Verbrecher die Haare geschnitten habe. Keine Ahnung.

 

Du hast zwei Flüchtlinge, die dir beim Haare schneiden helfen. Erzähl uns doch davon…

 

Ich hatte in einem sozialen Netzwerk einen Aufruf gestartet, dass ich Friseure suche, die mir helfen wollen. Und wenn es nur für eine Stunde ist, um den Flüchtlingen kostenlos die Haare zu schneiden. Es gab wohl mehrere Organisationen, die es auch schon einmal versucht haben, aber nicht energisch genug waren um weiter dahinter zu stehen. Dort hatte sich nichts ergeben. Dann waren Friseure da, und kamen nie wieder. Und bei den beiden Flüchtlingen haben sich andere Ehrenamtler bei mir gemeldet. Man fragte an, ob es machbar wäre, dass sie mir helfen könnten. Ich sagte ihnen dann, dass ich das erst mal selbst absprechen müsste. Von meiner Seite her sprach nichts dagegen, da ich ja gerne Hilfe haben möchte. Ich bin auch auf Hilfe angewiesen um die Mengen zu schaffen. Nachdem es abgesprochen wurde, war es auch möglich. Beim letzten Mal hat mir ein Flüchtling geholfen der extra aus Rheinhausen kam. Dieser wohnt jetzt in einer eigenen Wohnung. Er kam mit seiner Mutter und seinen Brüdern um sich das Ganze mal anzusehen und um sich vorstellen zu können. Da er auch umsonst bei uns helfen kommt, haben wir es ihm ermöglicht ein Fahrticket zu zahlen. Er muss ja irgendwie dazu kommen können. Das Ticket wird übergangsweise von einer anderen Ehrenamtlerin bezahlt. Ihm macht die Aufgabe auch Spaß, er kommt immer mehr und mehr aus sich heraus. Er ist kein professioneller Friseur, kann aber Haare schneiden. Manches musste ich anfangs ausbessern, denn auch ein Flüchtling möchte gut aussehen. Ich habe ihn trotzdem motiviert weiter zu machen. Und das hat er. Der Junge geht zwar zum Deutschunterricht, kann aber kaum Deutsch. Er kann ein bisschen Englisch und Türkisch. Mit Händen und Füßen ist Kommunikation immer möglich.

 

Das ist ja schon „Flüchtling hilft Flüchtling“. Ist dies ein Ansatz der zielführend wäre?

 

Ich finde ja. Sie zeigen den anderen Flüchtlingen ja dann, dass es geht. Sie bekommen ja kein Geld für ihre Arbeit. Nichts. Sie machen es ehrenamtlich. Und es geht alles, wenn man will. Sie können sich untereinander helfen. Man sollte sie meiner Meinung untereinander mit Deutschen Helfern zusammenbringen und nach Anweisungen arbeiten lassen. Es sind ja auch Anwälte unter ihnen. Schön wäre es auch, wenn es den ein oder anderen Anwalt gäbe, der einen Flüchtling als Paten annehmen würde. So nach dem Motto: “Mach doch erst einmal ein Praktikum bei mir. Unbezahlt. Ihr dürft mir über die Schulter gucken. Somit würden sie Deutsch lernen und könnten wieder in ihren alten Beruf finden. Könnten somit dann eigene Landsleute als Mandanten übernehmen. Sie kennen jetzt zwar nicht unsere Gesetze, können sich aber darin einarbeiten. Und mit Lernwilligen finde ich so etwas grandios. Es wäre auch eine nützliche Beschäftigung. Als ich noch in Schmachtendorf meinen Laden hatte, hatte ich fast nur Deutsche

Yasmine Buzkan - Foto Thomas Rodenbücher

Yasmine Buzkan – Foto Thomas Rodenbücher

Kunden. Ganz wenige waren Türken. Hätte ich einen Türken als Mitarbeiter gehabt, hätte ich natürlich mehr türkische Kundschaft gehabt. Denn ein Türke geht nicht zum Deutschen. Wenn man dann einen Flüchtling oder einen ehemaligen Flüchtling bei sich arbeiten hat, dann holt man sich doch über einen solchen Kanal die Landsleute als Kundschaft heran. Das ist doch absolut wirtschaftsfördernd. Mir ist auch aufgefallen, dass unter den Flüchtlingen viele Analphabeten sind. Nicht nur Alte, sondern auch Junge. Es gibt unter meinen Flüchtlingen einen ganz lieben Jungen. Man sagt, er wäre 18, aber ich bin der Meinung, er ist erst 16 Jahre alt.  Er kann weder seine eigene Landessprache lesen oder schreiben, aber er ist fleißig. Würde man ihn zum Beispiel in einen deutschen Handwerksbetrieb unterbringen können, dann kann man ihn natürlich so weit ausbilden, dass andere garantiert nachziehen würden, zum Beispiel als Fliesenleger. Wenn ein Syrer dann Fliesen gelegt bekommen möchte, dann hat der Betrieb sofort den Dolmetscher vor Ort. So, wie es hier in Deutschland Schulen für Kinder mit Lernschwäche gibt, sollte man Institutionen mit Berufsschulcharakter für Flüchtlinge einrichten. Dort kann man ja in der Muttersprache und in Deutsch unterrichten. Man kann alles fördern. Natürlich wird den Flüchtlingen Deutsch beigebracht. Aber an den Stellen sitzen ja nicht immer Lehrer. Und wie bringen sie den Flüchtlingen Deutsch bei? Mit Bildchen, auf denen sind entweder eine Shorts drauf, oder man bekommt die Weltkarte beigebracht. Hat man uns als Kindern in der Grundschule mit Bildchen die Sprache beigebracht? Nein. Ich habe es im Türkisch-Unterricht ebenfalls anders beigebracht bekommen.

 

Was war für dich im Rückblick das bewegendste Erlebnis?

 

Es gab da eine Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan. Eine Mutter mit zwei Töchtern und zwei Söhnen. Sie hatten in der Flüchtlingsunterkunft das Pech, dass sie die einzigen waren, die ihre Sprache sprachen. Kein Mensch hat sie verstanden. Doch die Frau war sehr dankbar. Erst hatte ich den Söhnen die Haare geschnitten und dann ihr. Sie war so dankbar, dass ich ihr die Haare geschnitten habe. Sie hat mich geküsst und umarmt. Daraufhin ist sie in die Halle der Zeltstadt gegangen und hat für uns alle den Tisch gedeckt. Dann kam sie wieder zu mir und bestand darauf, dass ich mitesse. Wir haben uns dann zusammen hingesetzt und gegessen. Meine Schwester war an dem besagten mit dabei und hat auch an dem Essen teilgenommen. Daraufhin ging die Mutter los und steckte meiner Schwester einen Ring an den Finger. Sie wollte aus Dankbarkeit meiner Schwester das geben, was sie hatte. Daraufhin mussten wir alle weinen. Diese Herzlichkeit der Frau rührte uns alle zu Tränen. Man hat nicht viel getan, bekam aber eine große Dankbarkeit entgegengebracht. Leider habe ich den Verdacht, dass diese Familie dort untergehen wird. Und dann hatte ich da noch eine Familie die von „Die Sendung mit der Maus“ begleitet wurde. Da kam ein Vater mit seinem Sohn. Dem Sohn hatte ich die Haare geschnitten. Bei Schneiden merkte man, dass sich der Sohn immer mehr und mehr gefreut hatte. Irgendwann war er dann fertig und ganz stolz, guckte seinen Vater an und der Vater sagte dann irgendetwas zu ihm. Der Junge guckte mich dann wieder an. Erst dachte ich: “Was mach ich denn jetzt?“ – Ich sagte ihm: “Fertig“: – Der Junge schaute seinen Vater wieder an und guckte mich wieder an. Ich war total verunsichert und hilflos, weil ich ja fertig war mit Haare schneiden. Dann gab mir der Vater ein Zeichen, das ich mich mal bitte bücken sollte. Ich habe mich gebückt, da gab mir der Kleine einen Kuss auf die Wange und sagte auf Englisch: “Danke“. Das sind die schönsten Momente für mich.

 

Jetzt mal Hand aufs Herz: Nimmst du viel von deinen Erlebnissen mit nach Hause?

Ich wollte ein Ehepaar in einer Flüchtlingsunterkunft in Düsseldorf besuchen und musste feststellen, dass die Verhältnisse dort wesentlich schlimmer waren als damals in Walsum. Verbotener Weise machte meine Schwester Fotos von der Unterkunft, was jedoch nicht lange unentdeckt blieb: Der vermeintliche Leiter forderte uns, nicht sehr freundlich, auf, die Kamera wegzupacken und die zuvor gemachten Fotos umgehend zu löschen. Als Älteste wollte ich die Ruhe bewahren und habe versucht mit ihm zu reden. Wir waren bereit zu gehen, ich war dazu bereit den Mädels zu sagen, dass sie die Bilder löschen sollen. Wir konnten ihm gegenüber nicht viel erreichen, da ich ja wusste, dass er Recht hatte. Immerhin hatten ja Privatgelände betreten und unerlaubt Fotos gemacht. Als wir gehen wollten, stand er immer hinter uns und hat uns gescheucht. Er sagte immer: “Los, los, los.“ Dies löste dann etwas in mir aus, das ich nicht mehr innehalten konnte. Erst dachte ich: “Man, wie unmenschlich. Was denkt er sich? Wir sind doch kein Vieh!“ – Dann sah ich links von mir die Flüchtlinge, die ich besuchen wollte und noch andere drum herumstehen. Auf der anderen Seite sah ich dann meine Schwester und unsere anderen Begleiter, die vor Wut schon Tränen in den Augen hatten. Und in dem Moment konnte ich nicht mehr. Ich drehte mich um und schaute den Mann an und sagte ihm direkt ins Gesicht: “Wissen Sie was? In meinen Augen sind sie ein arrogantes blödes Arschloch!“ – Der Mann drohte wieder, wie schon zuvor, mit der Polizei. Dann habe ich mich wieder umgedreht, habe mich nach vorne gebückt und ihm zugerufen das es das letzte sei, was er von uns zusehen bekomme. In diesem Moment rief er dann tatsächlich die Polizei. Eine Stunde stand ich dann dort. Die anderen hatte ich zuvor weggeschickt. Der Mann und ich haben dann auf die Polizei gewartet. Er ging immer drei Schritte zurück und ich die drei Schritte vor. Ich wollte ja vernünftig mit ihm reden. Aber das ging nicht, also wartete ich ab. In dieser einen Stunden ging mir alles Mögliche durch den Kopf. Und irgendwann ging mir durch den Kopf: „Was machst du eigentlich hier? Du hast selbst so viele Probleme, auch mit den deutschen Ämtern.

Das ganze Interview können Sie in der neuen Bachtalo 1/2016 lesen

 

 

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