Simon-Wiesenthal-Center setzt Jakob Augstein auf die Antisemiten-Liste

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Jakob Augstein – Foto Thomas Rodenbücher

Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“ und Kolumnist bei Spiegel Online, wurde vom Simon Wiesenthal Center (SWC) auf Platz 9 der „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“, also der „Top Ten der antisemitischen und antiisraelischen Beschimpfungen“, gesetzt. Das Simon Wiesenthal Center ist eine internationale Menschenrechtsorganisation, die sich hauptsächlich mit der Thematik des Holocausts auseinandersetzt. Das SWC ist sowohl in den Vereinten Nationen als auch bei der UNESCO als Nichtregierungsorganisation (NRO) zugelassen. Auf seiner Homepage erläutert das SWC, aufgrund welcher Äußerungen die „Preisträger“ zu ihrer zweifelhaften Ehre gekommen sind.

Im Falle Jakob Augsteins (Platz 9) werden fünf Zitate aus Spiegel Online angeführt. Sie sollen den Vorwurf des Antisemitismus belegen. Meines Erachtens leisten sie dies jedoch nicht. Bei den Ruhrbaronen wird diskutiert, ob Augstein zu Recht auf dieser Liste steht. Ich habe mich an dieser Debatte beteiligt. Ich stimme mit Augsteins Ansichten zu Israel und zum Nahostkonflikt keineswegs überein. Einige – hier englischsprachig dokumentierte – Aussagen halte ich schlicht für haarsträubend. Aber Augstein, ein “Antisemit”? Die entsprechende Definition vorausgesetzt, mag dies hinkommen. Allein: in der Nacht sind alle Katzen grau. Wie auch immer: wenn das Wiesenthal-Institut einen Antisemitismusvorwurf erhebt, hat es ihn zu belegen.

 

Im zweiten angeführten Ausspruch zitiert Augstein Grass mit der Aussage, das Nuklearpotenzial Israels stelle eine Gefährdung des Weltfriedens dar, und zwar ausdrücklich zustimmend. Das ist haarsträubend. Man mag dies für einen Hinweis auf ein Ressentiment Augsteins halten. Es ist jedoch kein Beweis einer judenfeindlichen Gesinnung. Es scheint, dass sich das SWC, um es ganz allgemein zu formulieren, auf Henryk M. Broder gestützt hat, etwa auf diese Polemik. Mit Freude habe ich gelesen, wie dem smarten Augstein junior hier mal ordentlich die Meinung gegeigt wird. Broder kann zweifellos schreiben, nur: seine Pöbelei ersetzt keine Diskussion über die hier zur Debatte stehende Definition des Begriffs Antisemitismus.

Broder begründet ausführlich, warum er Augstein für einen Antisemiten hält. Er legt dar, dass Augstein auf den Nahostkonflikt fixiert ist mit einer klaren – ich würde sagen: einseitigen – Schuldzuweisung an Israel (nicht an die israelische Regierung, sondern an Israel). Für Augstein stellt Israel eine Gefahr für die ganze Welt dar. Mir ist diese – von Antisemiten bestens bekannte – Argumentationsfigur bei Augstein auch schon aufgefallen. Broder schlussfolgert daraus: „Diese Obsession ist es, lieber Jakob Augstein, die Sie zu einem Antisemiten macht.“ Kann sein, kann nicht sein, man weiß es nicht. Es ist Broders Meinung. Ein Beweis sieht anders aus. Nochmal: der Text ist eine Polemik, keine „Urteilsbegründung“.

 

Überzeugend ist Broder dann, wenn er Augsteins durchgeknallte Schuldzuweisung entlarvt. Irritierend, weil verbogen, ist seine Argumentation dann, wenn er – einem israelischen Regierungssprecher gleich – alles vom Tisch wischt, was gegen die Politik Jerusalems vorgetragen wird. Wenn Augstein etwa anführt, Israel züchte sich mit seiner Gaza-Politik seine Feinde selbst heran, was zweifellos zutreffend ist, wendet Broder ein, die Hamas habe die Vernichtung Israels in ihrer Charta schon vor den israelischen Militäraktionen stehen gehabt . Was ebenfalls richtig ist, aber auch eine unpolitische Rechthaberei, die erkennbar nicht die Sache im Auge hat, sondern schlicht nur jede Kritik an israelischer Regierungspolitik im Keim ersticken will.

Augstein hat bislang allenfalls bewiesen, dass er vom Thema nicht allzu viel versteht. Einen Gegenbeweis, also den Beweis, dass er kein Antisemit ist, hat er noch nie geliefert. Das muss er auch nicht. Es gibt keine Umkehr der Beweislast. Augstein wird des Antisemitismus bezichtigt. Diejenigen, die dies tun, stehen in der Beweispflicht. Weder das Wiesenthal-Center noch Broder haben sie bislang erfüllt.
Augstein muss gar nichts. Niemand muss seine „Unschuld“ beweisen. Allein: so lange er dies nicht tut, dürfen seine vielfältigen Beiträge zum Nahostkonflikt als verdächtig gelten. Mir jedenfalls geht das so. Sein stets und ständig aufgewärmtes naives linkes Gedöns zum Thema Israel… – nun, ich denke mir meinen Teil.

 

Jakob Augstein hat gestern auf seiner Facebook-Seite folgendes erklärt: „Das Simon Wiesenthal Center hat mich auf eine Liste der `Top Ten der antisemitischen und antiisraelischen Beschimpfungen´ gesetzt. Die dpa fragte gestern, was ich davon halte. Ich habe den Kollegen dieses hier geantwortet: `Das SWC ist eine wichtige, international anerkannte Einrichtung. Für die Auseinandersetzung mit dem und den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt. Umso betrüblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwächt wird. Das ist zwangsläufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird.” Das war´s, mehr nicht. Mehr war wohl nicht zu erwarten. Die Diffamierung des kritischen Journalisten ist betrüblich. Nun ja…

 

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7 thoughts on “Simon-Wiesenthal-Center setzt Jakob Augstein auf die Antisemiten-Liste

  1. “Einen Gegenbeweis, also den Beweis, dass er kein Antisemit ist, hat er noch nie geliefert. Das muss er auch nicht”

    Sie scheinheiliger schlechter Lügner, Herr Doktor, einfach peinlich.

  2. Es ist schon bemerkenswert, dass das SWC eine Antisemitenliste führt. Zum Bericht will ich mich inhaltlich nicht äussern, weil es sich um ein Thema handelt, zu dem man nur noch politisch korrekt argumentieren darf. Allerdings gebe ich zu bedenken, ob es nicht sinnvoll ist, die Antisemitenliste völlig aufzugeben, denn es gehört sich auch für Juden nicht, Andersdenkende öffentlich an den Pranger zu stellen.

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  7. ich denke, jedes Volk wird nicht nach der Geschichte gemessen und beurteilt, sondern nach deren Handlungen in der Gegenwart. Praktisch unterlassen die Israelis nichts, um humanistisch denkende Menschen gegen sich aufzubringen. Wird dann – zumeist zurecht – gerügt, dann ist das antisemitisch. Hier ist jede selbstkritische Betrachtung abgängig. Weder Herr Grass, noch Augstein sind als Antisemiten bekannt. Sie haben sich lediglich erlaubt, Kritik an der Israel. Politik zu üben und das zurecht. Ich selbst habe kein gutes Gefühl, wenn ein Volk mit einem derartigen Aggressionspotential seiner Führung über Atomwaffen verfügt (ebenso wenig wie Pakistan, wenn auch aus anderen Gründen). Die israelischen Aggressionen machen die Palästinenser zu Opfer der Naziopfer. Erstaunlich zu welchen Grausamkeiten ein Volk fähig geworden ist, das es besser wissen sollte. Ebenso wie das deutsche Volk, hat das israelische Volk eine besondere Verantwortung im Zusammenleben der Völker. Während das deutsche Volk diese aus der NS-Vergangenheit resultierenden Pflichten einiger maßen mit Anstand angenommen hat, vermisst man bei den Juden jedes Maß und Ziel. Dieses Verhalten – über Jahrzehnte hinweg – kostet eben Sympathien, und das zurecht. Das hat mit Antisemitismus nix zu tun. Ich verurteile die israelische Siedlungspolitik ebenso wie die israelischen Repressionen gegen das palästinensische Volk. Wer auf Steine werfende Kinder schießt, muss sich nicht wundern, wenn das andere nicht mögen. Bleibt zu hoffen, dass die Israelis bei den anstehenden Wahlen endlich einmal Farbe bekennen.