Gibt es eigentlich technologische Arbeitslosigkeit? 2. Teil

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Im 1. Teil dieser Betrachtungen sind wir von der Wikipedia-Definition ausgegangen, dass „technologische Arbeitslosigkeit durch die Ersetzung der Arbeitskräfte durch Maschinen (Automatisierung) entsteht“. Die Produktion dieser Maschinen hatte selbstverständlich weniger Arbeitsstunden in Anspruch genommen, als durch ihren Einsatz eingespart werden. Dadurch rechnet sich die Investition, genauer: die Rationalisierungsinvestition; deshalb findet sie überhaupt statt. Die eingesparten Arbeitskräfte / Arbeitsstunden stellen ökonomisch betrachtet einen Preisvorteil dar. Zur Untersuchung der weiteren Beschäftigungseffekte sind die verschiedenen Möglichkeiten zu betrachten, was mit diesem Preisvorteil geschieht.

Gibt die Firma, die die neuen Maschinen gekauft und Beschäftigte entlassen hat, weil man alles in Betracht ziehen muss, a) diesen Preisvorteil an die verbliebenen Mitarbeiter weiter? Oder b) an ihre Kunden? Oder c) steckt sie sich ihn – sozusagen als Zusatzprofit – in die eigene Tasche? d) Mischformen – also ein Teil für die Belegschaft, ein Teil für die Kunden und ein Teil für sich selbst – werden dann interessant, wenn eine Verwendung gesamtwirtschaftlich positive, eine andere aber gesamtwirtschaftlich negative Beschäftigungseffekte nach sich ziehen sollte. Mal sehen; wir beginnen mit Möglichkeit a) der Produktionskostenvorteil wird an die Beschäftigten weitergegeben.

 

Zugegeben: eine recht eigenwillige Variante. Man schmeißt ein paar Leute raus, damit die restlichen Leute alle eine Idee mehr verdienen. Schön blöde, werden Sie sagen. Aber erstens wollen wir theoretisch gründlich sein, und zweitens müssen wir uns keine selbstverwaltungssozialistischen Fabelbetriebe ausdenken, um uns der Möglichkeit a) gedanklich zu nähern. Wir brauchen bloß an den deutschen Alltag zu denken. Da gehört das Teile und Herrsche, das Ausspielen von Kern- und Randbelegbelegschaft zum guten Ton moderner Unternehmensführung. Was meinen Sie denn, was passiert, wenn in einem Großkonzern eine technologische Innovation das „Freisetzen“ von Mitarbeitern möglich machen sollte?!

Egal, für unsere rein quantitative Fragenstellung nach der Zahl von Arbeitsplätzen interessiert nur die – hier idealtypisch – gleichbleibende Lohnsumme. Ein paar Leute sind arbeitslos geworden; dem steht die zusätzliche Nachfrage gegenüber, die durch die höheren Löhne der verbliebenen Beschäftigten mobilisiert wird. Gesamtwirtschaftlich gleicht sich das aus. Deutlich komplizierter verhält es sich mit der Möglichkeit b), wo der Kostenvorteil an die Kunden in Form einer Preissenkung weitergegeben wird. Diese Variante ist deshalb komplizierter, weil sich im einzelnen angesehen werden muss, wer denn die Kunden sind. Andere Firmen (1) oder Endverbraucher (2), staatliche Stellen (3) oder Kunden im Ausland (4)

Bild: Holger Weihe via Wikipedia

Info:
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Liefert „unsere“ Firma an eine andere Firma, wird unsere Fragestellung im Grunde nur eine Produktionsstufe weiter nach hinten verlagert. Variante b1 benötigt folglich keine eigene Untersuchung. Werden die Endverbraucher direkt mit preisgünstigeren Waren versorgt (b2), können sie sich mit dem eingesparten Geld zusätzlich noch etwas anderes Schönes kaufen. Diese schönen Sachen wollen freilich produziert sein bzw. werden, so dass die Menge der in „unserem“ Betrieb entlassenen Arbeitskräfte an anderen Stellen wieder eingestellt werden muss. Ist der Staat der Kunde (b3), könnte er das durch das billigere Angebot „unseres“ Unternehmens eingesparte Geld an die Steuerzahler zurückgeben.

Eine solche Steuersenkung an die richtigen, nämlich die unteren Einkommensgruppen würde sich recht schnell als zusätzliche Konsumnachfrage auf dem Binnenmarkt bemerkbar machen und neue Arbeitsplätze schaffen. Oder, noch besser: der Staat überlässt das eingesparte Geld den Kommunen. Die Städte haben bekanntlich einen riesigen Investitionsstau, und wir haben gesehen, dass die Beschäftigungseffekte kommunaler Konjunkturprogramme keine Strohfeuer sind, sondern Dauerarbeitsplätze geschaffen haben. Bleibt also noch die Variante b4: der technische Fortschritt verbilligt die Waren deutscher Produktion auf dem Weltmarkt.

 

Muss ich über diese Möglichkeit noch Worte verlieren?! An dieser Stelle haben wir die Ebene theoretischer Spielchen verlassen und sind in der Wirklichkeit angekommen. Beim Kern der Angelegenheit, in der Seele des Spiels. Produktionskostenvorteile – hier durch neue Technologien, allgemein durch Senkung der Lohnstückkosten – ermöglichen der deutschen Exportindustrie ihre führende Stellung auf den Auslandsmärkten auszubauen. Dass dies mit positiven Beschäftigungseffekten einhergeht, versteht sich von selbst. Dies ist sozusagen der Sinn der Übung; dies ist die Erklärung für das neue deutsche Jobwunder der letzten Jahre.

Übermorgen werden wir uns im dritten und letzten Teil – an diesem entscheidenden Punkt anknüpfend – noch die Möglichkeit c) ansehen. Was passiert eigentlich, wenn sich ein sehr innovatives Unternehmen den durch seinen technologischen Vorsprung erzielten Zusatzprofit in die eigene Tasche steckt? Falls Sie vermuten sollten, dies hinge davon ab, wofür diese Extrarenditen verwendet werden, liegen Sie – um dies jetzt schon einmal zu verraten – nicht ganz falsch. Allerdings auch nicht ganz richtig…

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Beitrag von auf 19. Juli 2012. Abgelegt unter Jurga, Politik, Wirtschaft. Nachricht folgen durch RSS 2.0. Kommentare und Pings sind geschlossen.