Die lautlose Entschuldung in der EU und in Deutschland hat bereits begonnen

Deutsch: Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in konstanten Preisen von 1960 bis 2004, USA, BRD, Japan (Photo credit: Wikipedia)
Die meisten Industriestaaten haben ein Problem. Während das Wirtschaftswachstum nachlässt, türmen sich die staatlichen Schuldenberge auf.
Beispiel Euroraum. Hier liegt die Schuldenquote bei 90 Prozent. Bei Gesamtschulden in der Europäischen Währungsunion von 8.215,30 Milliarden Euro sind das pro Einwohner circa 24.682,46 Euro – und es werden mehr. Jede Sekunde kommen weitere 12.594,84 Euro dazu. Doch: Wie gelingt der Abstieg von diesem Schuldenberg?
Die Antwort heißt „finanzielle Repression“.
Mit anderen Worten : Die Anleihegläubiger und Sparer zahlen die Zeche. Finanzielle Repression wirkt beim Abbau staatlicher Schulden lautlos und viel sanfter als ein Schuldenschnitt.
Historisch betrachtet sicherlich kein Novum. Der Blick in die lange US-amerikanische Geschichte zeigt den Erfolg: Dort waren die Schulden als Folge der Großen Depression und des 2. Weltkrieges Mitte der 40er-Jahre auf 122 Prozent des Bruttoinlandsproduktes geklettert. Bis Mitte der 70er Jahre gelang allerdings der Abstieg in Richtung 30 Prozent.
Info:
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Was war passiert? Über Jahrzehnte lagen die Anleiherenditen unter den Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts in den USA. Das ist die Blaupause für eine finanzielle Repression: Ein Staat wächst förmlich aus seinen Schulden heraus, wenn das reale Wachstum des Bruttoinlandsprodukts die (reale) Zinsbelastung übersteigt. Tatsächlich lag in den USA die Realrendite zwischen 1945 und 1980 in zwei Drittel der Fälle unter einem Prozent.
Die Grundvoraussetzungen, dass es heute wieder funktioniert sind bereits gegeben. Nach Inflation betrachtet liegen beispielsweise in den USA und Deutschland die Renditen unter den Wachstumsraten.
Treiber sind die Zentralbanken, welche die Leitzinsen immer weiter nach unten geschleust ( aktuell 0,75 % ) und mit sogenannten quantitativen Lockerungen selbst Anleihen gekauft beziehungsweise die Liquidität zum Kauf bereit gestellt haben.
Die Europäische Zentralbank verfügt durch direkte Anleihekäufe mittlerweile über knapp drei Prozent der ausstehenden Anleihen der Euro-Staaten. Die beiden langfristigen Tender stellten eine zusätzliche Liquidität im Umfang von einer Billion Euro zur Verfügung. Knapp die Hälfte davon floss direkt oder indirekt in den Kauf von Staatsanleihen. Der Erfolg blieb nicht aus. Die Zinsstrukturkurven sanken über alle Laufzeiten merklich.

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Sehr treffender Artikel. Ganz wichtig, der Merksatz: „Ein Staat wächst förmlich aus seinen Schulden heraus, wenn das reale Wachstum des Bruttoinlandsprodukts die (reale) Zinsbelastung übersteigt.“
So soll es ja auch sein. Dafür den Terminus „finanzielle Repression“ einzuführen, wie es seit einiger Zeit im Mode gekommen ist, halte ich für eine merkwürdige Sicht der Dinge. Motto: „Die Anleihegläubiger und Sparer zahlen die Zeche.“
Ein Plädoyer für eine Hochzinspolitik? Was passiert, wenn – wie etwa Anfang der 1980er Jahre – es rentabler ist, Kapital in den Anleihemarkt zu stecken statt investiv zu verwenden?
Offensichtlich ein Weg ins Nirgendwo. Das Problem der hohen Zinsen für südeuropäische Staatsanleihen ist gegenwärtig anders gelagert. Diesen Staaten wird faktisch die Möglichkeit genommen, aus ihren Schulden herauszuwachsen.
Gleichzeitig liegen Deutschlands Zinsen nicht nur real, sondern inzwischen auch nominal unter null. Vulgo: Deutschland hat kein Problem mit der Staatsverschuldung, auch wenn die Leute damit zugequasselt werden.
Werner Jurga
14. Juli 2012 auf 00:38